Impuls der Kolpingsfamilie Ergenzingen zum 22.06.2024: Manchmal braucht man die Gedanken anderer

Conny Nagel

„Manchmal braucht man die Gedanken anderer, um auf andere Gedanken zu kommen.“ Dass mir zum heutigen Sonntagsevangelium dieser Satz von E. Ferstl in die Hände fällt, mag Zufall sein.

35 Am Abend dieses Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern:
Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. 36 Sie schickten die Leute fort und
fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; und andere Boote begleiteten ihn. 
37 Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot,
sodass es sich mit Wasser zu füllen begann.
38 Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen:
Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? 
39 Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still!
Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. 40 Er sagte zu ihnen:
Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? 
41 Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander:
Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen? 

Denen, die im Boot sitzen, steht das Wasser nicht nur bis zum Hals, sondern noch mehr – die Wogen schlagen über ihren Köpfen zusammen. Eine absolut gefährliche Situation. Die erfahrenen Fischer kennen das. Sie können die Situation einschätzen und wissen, dass alle, die sich gerade auf dem Wasser befinden, absolut schutzlos sind. Völlig unverständlich ist es deshalb für sie, dass da einer ruhig liegen bleibt und schläft. Und dann genügt ein „Schweig, sei still“. Die vorwurfsvolle Frage an alle, die dabei sind, folgt auf den Fuß: „Habt ihr keinen Glauben?“ Genau diese Frage ist es dann, die in ihnen etwas anstößt. Sie fragen nun selbst weiter. Sie kommen ins Nachdenken. Sie sind herausgeholt worden aus ihrer Routine.

Es ist wohl so: „Manchmal braucht man die Gedanken anderer, um auf andere Gedanken zu kommen.“ Manchmal braucht man die paradox klingende Frage, die in einem etwas anrührt, was einem weiterbringt. Wenn das eigene Leben auf dem Kopf steht, dann ist es gut, wenn jemand kommt und hilft, einen wieder auf die Füße zu stellen. Wenn jemand verzweifelt ist, dann kann der Blick einer/eines Außenstehenden gut tun, weil jemand anders noch einmal anders hinschaut und andere Perspektiven entdeckt. Wenn zwei in einem Konflikt stehen und eine Seite unverrückbar bei ihren Positionen bleibt, dann kann Bewegung in die Sache kommen, wenn man sich bewegt und das Gegenüber an sich heranlässt. Das ist gemeint mit Jesu Frage: „Habt ihr denn keinen Glauben?“ Erinnert ihr euch nicht, dass wir gemeinsam in dieses Boot gestiegen sind und ihr euch auf mich verlassen könnt. Das ist gemeint mit der modernen Variante der Frage Jesu in den Gedanken von E. Ferstl: „Manchmal braucht man die Gedanken anderer, um auf andere Gedanken zu kommen.“ Das scheint mir für alle Bereiche des Lebens zu gelten.

Text: Dr. Claudia Hofrichter