Impuls der Kolpingsfamilie Ergenzingen zum 30. Juni 2024: Auch Tiger wollen umarmt werden

Conny Nagel

Eine Zeitlang habe ich gerne Filmdokumentationen über Tiere anderer Länder geschaut. Elefanten, Löwen, Antilopen, ... Besonders beeindruckt war ich von den Tigern. Diese Wildkatzen haben einen ausgeprägten Gehörsinn, und beindruckende dunkle Querstreifen. Mit ihren einziehbaren Fußkrallen stecken sie durch Kratzen und Duftmarken setzen ihr Revier ab oder greifen nach ihrer Beute. Erschrecken kann man, wenn sie ihre langen Eckzähne zeigen. Tiger sind intelligent und haben untereinander ein besonderes Sozialverhalten. Sie sorgen füreinander. Sie brüllen, wenn in ihr Revier andere eindringen, die ihrer Ansicht nach nicht dazu gehören, um sie dann zu verjagen.

Solche Revierabsteckungen kennen wir auch in der Welt der Menschen: Zähne zeigen, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Krallen ausfahren zur Verteidigung in Konflikten und Disharmonien. Den sonst so ausgeprägten Gehörsinn verschließen. Angriff ist nicht immer der beste Weg der Verteidigung, das wissen Menschen.

Einen Tiger, über dem die Sonne scheint und dessen Herz aufgeht, als er umarmt wird ohne ihn zu erdrücken, zeigt unser Bild. Ja, auch Tiger wollen umarmt werden. Auch Tiger wollen Wärme und Liebe spüren, damit sie ihre Sanftmütigkeit wieder wahrnehmen. Dann können ihre Ohren wieder gespitzt sein und hören und sie sehen wieder mit beiden Augen, mit dem einen ihre Bedürfnisse, mit dem anderen die der Anderen. Die Bibel und das Leben erzählen uns viele solche Umarmungsgeschichten und davon, was sich alles verändert, wenn sich der Tiger umarmen lässt. Der Tiger verliert seine übermäßige Sorge ums Revier und tauscht sie ein gegen die Fürsorge füreinander.

Die Frau im heutigen Evangelium (Mk 5,21-43), die unter Blutfluss litt, lässt sich berühren, was man – um im Bild zu bleiben – gerne mit Umarmen gleichsetzen darf. Im gleichen Augenblick ändert sich das Fließen. Sie spürt die Veränderung, sie spürt eine neue Lebensenergie, sie hat für ihr Leben und das der anderen wieder einen neuen Blick. Sie sieht wieder Perspektiven, die ihr zuvor verschlossen waren.

Die Vision vom Tierfrieden beim Propheten Jesaja ist eine solche Umarmungsgeschichte (Jes 11,1-9), wenn da plötzlich Wolf und Lamm beisammen liegen, der Löwe Stroh isst wie ein Rind und Tiere und Menschen Frieden halten. Diese Verheißung wird real, wenn Jesus geboren ist, sagt Jesaja. Das ist geschehen. So könnte es gelingen, den Tiger in uns selbst zu umarmen, ihn anzulächeln und sich umarmen zu lassen.

Text: Dr. Claudia Hofrichter