In den kommenden Zeit findet Ihr / finden Sie hier jeden Sonntag einen Impuls

13.09.2020    Jesu ist ein Storyteller – Zu Matthäus 18,21-35

 

Jesus erzählt gerne Geschichten. Das moderne Wort dafür heißt: er betreibt Storytelling. Damit ist eine besondere Art des Geschichtenerzählens gemeint. Es geht um einen Spannungsbogen, der gehalten werden soll, es geht um etwas Lehrreiches ohne zu dozieren, es geht um Anregungen für das Leben. Hierin ist Jesus ein Meister. Da stellt einer eine Frage – wieder einmal ist es Petrus und Jesus antwortet mit einer Story, mit einer Geschichte, die einige Überraschungen zu bieten hat.

Wie soll das gehen, dass ich jemandem bis zu siebzigmal siebenmal vergebe? Jesu Antwort ist doch absurd! Ich erinnere mich wie ich als Jugendliche tief beeindruckt war von dieser Antwort, weil sie mich bei aller Absurdität zum Kern dessen, was Jesus sagen wollte, führte. Er zeigt diesem Petrus: „Frag nicht so gesetzesdenkerisch, sondern frage nach dem tiefen Sinn von Vergebung und erkenne den Weg der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.“

Es geht um die Haltung, die hinter der Vergebung steckt. Es geht um Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Jesus, unser Storyteller, erzählt von einer bodenlosen Ungerechtigkeit. Da wird einem Knecht die Geldschuld erlassen, doch dieser weiß nichts anderes zu tun als seinem Schuldner eine riesige Last aufzuerlegen. Er handelt am anderen nicht so wie er es an sich erfahren hat. Er bleibt der Ungerechte, der Geizige, der Egoist, der nichts anderes kennt als seinen eigenen Vorteil. Nichts dazugelernt. Da fällt dann doch seine eigene Schuldenlast wieder auf ihn zurück.

Das kennen wir vielleicht auch. „Man sieht sich immer zweimal“ ist ein geflügeltes Wort. Dahinter steckt die Erfahrung; Wenn eine Situation mit einem anderen Menschen unbefriedigend geblieben ist, ungeklärt, unversöhnt, dann trifft man irgendwann wieder auf sie – mal früher, mal später. Wenn ich unbarmherzig und ungerecht gewesen bin, dann plagt mich das irgendwann wieder. – Solche Prozesse laufen im Großen und im Kleinen. Wir kennen es aus unserem persönlichen Umfeld, wir kennen es aus der Politik.

Wenn ich wieder einmal in meine Falle getappt bin, dann schaffe ich es manchmal nicht allein herauszukommen. Da brauche ich dann so „einen Diener des Königs“ – vielleicht keinen, der mich wie in der Geschichte verpetzt. Doch einen, der mich wachrüttelt, der mich ein wenig in die Seite boxt, damit ich merke, wo es lang geht. Gott sei Dank gibt es diese Menschen um mich herum, die mich zur Veränderung ermutigen und mit mir auf dem Weg der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und Liebe bleiben.

Diese drei hat unsere Welt so nötig. Diese Drei haben wir – jede und jeder einzelne von uns –so nötig.

 

06.09.2020  Konflikte und Lösungswege – Zu Matthäus 18,15-20

Dieses Evangelium ist kein Kuschelkurs. Was hier mit dem Begriff der „Sünde“ eingeführt wird, läuft dann im Weiteren ganz auf die Frage zu wie sich Konflikte in der christlichen Gemeinde regeln lassen. Heute formulieren die professionellen Konfliktklärer gern „Konflikte sind normal“. Ja, damit haben sie recht. Konflikte haben Signalwirkung, machen aufmerksam, dass etwas nicht rund läuft, dass Interessen und Positionen von Menschen so weit auseinander gehen, dass sie nicht mehr gemeinsam handlungsfähig sind. Es braucht dann schon viel Engagement, sich auf eine Konfliktklärung einzulassen. Denn wer rückt schon gerne von seinen Positionen ab. Denkt man allerdings perspektivisch und zukunftsgerichtet, dann müsste einem der Mut zuwachsen, Konflikte lösen zu wollen.

Drei Wege bietet Matthäus an:

  • Miteinander reden, aufmerksam sein für die gegenseitigen Interessen und gemeinsam einen Weg finden.
  • Hilft das noch nicht: Zwei geeignete Zeugen dazu holen, die mit hören und Entscheidungshilfen geben.
  • Und ist man dann noch nicht im Reinen, bleibt nur noch das Plenum der Gemeinde.

Dieses Modell entstammt den Vorstellungen der damaligen jüdischen Rechtssprechung und Vorgehensweise. In diesen drei Wegen liegt eine drastische Steigerung. Der Konflikt wird von Mal zu Mal öffentlicher. Die Eskalation liegt von Mal zu Mal näher. Wird jemand noch zusätzlich Öl ins Feuer gießen? Das Risiko ist hoch, doch auch das ist bei Konflikten normal. Das Risiko, keine Lösung erarbeiten zu können oder zu wollen, ist immer gegeben.

In den vergangenen Tagen stehen die Politiker in der EU vor einigen Konflikten, die nach einer Lösung schreien. Wie soll man reagieren auf den Vergiftungsversuch an dem russischen Regierungskritiker? Was handelt man sich mit welcher Reaktion ein? Wer hat dabei welche jeweils berechtigten Interessen? Was ist man bereit, es sich kosten zu lassen so oder so zu reagieren? Denn jede Reaktion hat eine Langzeitwirkung.

Diese Woche haben sich auch die Mitglieder des synodalen Prozesses an verschiedenen Orten getagt. Ihr Konfliktthema war die sog. „Frauenfrage“. Und es ist wieder einmal klar: Kein Weiheamt für Frauen in Sicht, obwohl jeder betont, dass die Zukunft der Kirche sich am Thema „Frauen und ihre Möglichkeiten in der Kirche“ entscheiden wird. Wer sich an bestimmten Stellen nicht weiterentwickeln will, wird scheitern. Die Zukunft des Themas Frau von den Aufgaben der Kirche her sehen, wird betont. Auch das ist kein neuer Gedanke. Wie anders sollten sich denn auch der gemeinsame Auftrag von Frauen und Männern entscheiden! Wer kann Christus repräsentieren?, wurde wieder gefragt. Es kann doch nicht sein, dass man da weiter selbstverliebt um sich selbst kreist. Es geht doch nicht um Jesus in seiner Männlichkeit, sondern um Jesus in seinem absolut menschenzugewandten Handeln. Und das können nur beide – Frau und Mann gemeinsam repräsentieren. Sonst fehlt dem Leib Christi Entscheidendes. Natürlich begebe ich mich mit meiner Position auf das Glatteis der Diskussionen. Manchmal habe ich dazu gar keine Lust mehr und denke „Laufen lassen“ und dann kommt wieder diese Energie zurück, die mich überzeugt sein lässt, dass es nur noch darum gehen kann wie wir die Gleichberechtigung und die gleiche Würde von Frau und Mann in der Kirche umsetzen.

Unser Evangelium endet mit der Verheißung „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Ich hoffe darauf, dass die Gegenwart Jesu Christi in der Lage ist, zu bewegen, Respekt für beide Geschlechter Priorität haben zu lassen und das Evangelium zum Maßstab zu machen  und dann sind wir wieder bei der Gleichberechtigung von Frauen und Männern angekommen. Das Evangelium löst nicht unsere Konflikte, doch es setzt den klaren Maßstab, dass Gott größer ist als unser kleines Denken.

30.08.2020  Musterbrecher und Querdenker Jesus – Zu Matthäus 16,21-27

Es bleibt spannend im Matthäusevangelium. Letzten Sonntag hörten wir, wie Jesus Petrus in höchsten Tönen lobte, jetzt kritisiert er ihn in Grund und Boden. Noch immer scheinen es Petrus und die Anderen nicht kapiert zu haben: Wenn du das Glück deines Lebens finden willst, dann hilft es dir nicht, von Höhepunkt zu Höhepunkt, von Glücksgefühl zu Glücksgefühl laufen zu wollen. Es hilft nur, sich der Wirklichkeit zu stellen. „Das muss ich ja eh“, mögen wir da sagen. „Ich muss mich mit meinen Problemen auseinandersetzen“, „ich muss mit meiner Krankheit leben“, „ich mache mir Sorgen um meine Kinder“, „ich habe Angst vor dem Altwerden“, „ich sorge mich um meinen Arbeitsplatz“, „ich frage mich wie es mit unserer Welt weitergehen wird, ich bin im Zweifel, ob wir die Herausforderungen in unserem Land alle bewältigen werden“ … Die Liste könnte endlos weitergeführt werden. Sie ist von einem bestimmten Blick auf die Wirklichkeit geprägt. Sie beschreibt nur die eine Seite: Die des Zweifels, nicht die der Lösungsorientierung.

Da geht Jesus einen anderen Weg. Sein Vorschlag ist, Muster zu brechen und quer zu denken. Das Muster, zu klagen, kennen wir gut. Wenn an diesem Wochenende wieder die Gegner der Anti-Coronamaßnahmen demonstrieren, dann folgen sie diesen scheinbar bewährten Muster. Hinter dieser Demonstration steckt nicht die Frage nach der Lösung, sondern der Wunsch, mit aller Macht die gewohnten Freiheiten sofort wieder leben zu können. In diese und in vergleichbare Situationen empfiehlt uns Jesus: „Augen auf, schau genau hin, welchem Muster du folgst. Es könnte das Muster des Egoismus sein, das Muster, jeweils primär auf dich selbst zu schauen, auf das eigene Wohlbefinden statt auf das Gemeinwohl. Schau genau hin, ob du nicht Alternativen erkennen kannst, andere Handlungsmöglichkeiten, die besser geeignet sind.“ Wenn man mitten in der Krise steckt, ist es so schwer, um die Ecke zu schauen, quer zu denken, Kreativität und Phantasie zu haben, um vertraute Muster zu verlassen und anderes auszuprobieren. Doch genau das meint Jesus mit seinem Gedanken: „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir. Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ Das klingt hammerhart. Doch ich kenne die Erfahrung: Wenn es mir schon gelungen ist, so zu handeln wie Jesus es heute tun würde – und es ist oft erkennbar wie er handeln würde -, dann ist meine Herausforderung zunächst nicht kleiner geworden, jedoch wurde sie handlebar. Ich sah dann andere Möglichkeiten, wie ich sie neu deuten kann, neu einordnen – und dann tun sich neue Wege auf und sind sie noch so schmal.

Jesus macht es uns nicht leicht. Er fordert uns viel ab. Was ich verstanden habe in meinem Leben: „Gott umarmt uns mit der Wirklichkeit“ (Alfred Delp). Gott begleitet mein Ringen um gute Lösungen; Gott begleitet mein Querdenken und Muster brechen. Und dieser Jesus gibt die „Anleitung“ dazu. Er gibt die Richtung grob an. „Nimm an, was auf dich zukommt und einströmt und mag es noch so hart sein. Du wirst Schritt für Schritt erkennen, was das alles für dein Leben bedeutet durch alle mögliche Verzweiflung, durch alles Hadern und Kämpfen hindurch.“

23.08.2020  Christliche Identität – Zu Matthäus 16,13-20

Ich kann mich nur schwer entscheiden, welchen Aspekt des Evangeliums ich betonen will, denn es steckt auch kirchenpolitische Sprengkraft drin, die ich spannend  finde. Alle Aspekte verbindet vielleicht das Thema Christliche Identität. Was macht uns als Christen aus? Wie sind wir erkennbar? Was bedeutet das für unser Kirche sein?

Für wen halten die Menschen den Menschensohn? Spezifischer gefragt: Für wen halte ich Jesus? – Dem Bekenntnis des Petrus „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes“ kann ich leicht zustimmen. Doch wie zeigt sich das in meinem Leben konkret? Hinter Formeln darf ich mich nicht verstecken! Je älter ich werde, umso mehr ist es mir wichtig, dass mein Christsein erkennbar ist, dass man spürt, dass ich eine Jüngerin Jesu bin. Mir geht es da dann wie schon den Jünger/innen Jesu damals. An einem Tag ist alles klar, am anderen spüre ich meine Grenzen und frage, ob es nicht auch weniger radikal gehen könnte. Die Antwort ist auch schon klar: Nein, es geht nicht weniger radikal. Und so bewegt sich mein Christsein immer in der Suche nach der Balance. Wie bin ich erkennbar als Christin und wie kann ich das so leben, dass ich mich nicht ständig überfordern würde? Manchmal möchte ich die Welt retten können, alle Probleme lösen, für Gerechtigkeit sorgen, für Frieden. Jedenfalls stelle ich mir vor, dass Christen das können. – Und Moment mal: gemeinsam können. Christsein und als Christ erkennbar sein, ist ja kein einsamer Alleingang, sondern gemeinsamer Auftrag. Deshalb: Setzt jeden Tag alles daran, die Welt ein wenig besser zu machen. – Das ist meine, das ist unsere Identität, das ist Jesus für uns: Der Befreier, der uns in Dienst nimmt für seinen Weg, Menschen aus Ungerechtigkeit, aus moderner Knechtschaft zu befreien. Das bin ich, das sind wir für Jesus - das hält er von uns: dass wir fähig sind, in seine Fußstapfen zu treten, dass wir unsere Grenzen immer wieder neu überwinden werden und sein Reich immer mehr Gestalt annehmen wird. Wie ermutigend ist das doch!

In demselben Evangelium macht Jesus Petrus zum Felsen für die Kirche. Nein, er dachte dabei nicht an das Papstamt. Und mit dem Binden und Lösen ist auch nicht die Einsetzung des Bußsakraments gemeint. Vielmehr geht es Jesus darum, den Auftrag der Schriftgelehrten zu seiner Zeit zu korrigieren. Die Schriftgelehrten hatten oft vergessen, dass es beim Binden und Lösen immer um Gott und seinen Weg geht und nicht um die eigene Macht und die eigenen Wünsche. Auftrag des Petrus war es, zu gewährleisten, dass die Botschaft Jesu unverfälscht weitergeht, dass Entscheidungen, die getroffen werden müssen, im Geist Jesu getroffen werden. Es geht darum, den Weg Gottes mit den Menschen so zu gehen, dass sich darin das Reich Gottes zeigt und die Botschaft Jesu bewahrt wird. Im Lauf der Kirchengeschichte wurde mit dem Auftrag des Petrus viel Unfug getrieben, viele Entwicklungen standen nicht im Dienst des Evangeliums. Auch das gehört zur Identität der Kirche, dass sie zurückkehrt zu ihren Wurzeln, zu ihrem Ursprung. Dazu gehört heute auch, kritisch die Traditionen zu prüfen, die im Lauf der Geschichte entstanden ist und sie neu zu bewerten – nämlich unter Berücksichtigung ihrer Entstehungszeit und dem Nutzen oder Nichtnutzen für die Gegenwart und Zukunft. Dazu braucht es gehörigen Mut!

Der Geist Jesu Christi stärke uns sein Evangelium zu leben, ihm treu zu sein und mutig zu sein zu großen Veränderungen, um unsere christliche Identität wahrhaftig zu leben.

16.08.2020   Jesus lernt – Zu Matthäus 15,21-28

In diesen Sommerferien werden die Evangelien der Sonntage von Woche zu Woche spannender. Die „Frauengeschichten“ Jesu sind aus meiner Perspektive immer neu atemberaubend. Jesus reagiert nicht erwartbar – manchmal vielleicht schon, doch gleich darauf folgt meist die Überraschung.

Genau genommen geht es heute um zwei Frauen – Mutter und Tochter. Die Tochter ist schwer krank und verzweifelt am Leben, die Mutter setzt sich mit aller Kraft dafür ein, dass Jesus der Tochter hilft. Doch dieser Jesus meint etwas arrogant: ‚Was geht ihr beide mich an, ihr stammt nicht aus Israel, sondern aus Kanaan; da bin ich nicht zuständig.‘ Das ist der Hammer. So ein Satz bestätigt doch eigentlich alle Vorbehalte, die Menschen gegen Jesus hatten. Er sucht sich aus, wem er hilft; er bleibt exklusiv – nichts da mit Gerechtigkeit und Fülle des Lebens für alle. Welch‘ eine Enttäuschung! – Doch was macht die Frau? Sie lässt sich nicht beirren – schließlich geht es um Leib und Leben ihrer geliebten Tochter. Sie beginnt mit Jesus zu diskutieren – und – o Wunder – er lässt sich umstimmen. Die Frau kann ihn überzeugen, ihrer Tochter zu helfen. Mehr noch, dieser Jesus lernt dazu: er merkt, dass seine Sendung über Israel hinausgeht.

Heute würden wir sagen „Jesus schaut über den eigenen Kirchturm“. Wie oft haben wir den Perspektivwechsel nötig! Wie oft muss uns jemand daran erinnern, doch auch einmal nach rechts und links und vor allem nach vorn zu schauen, um den angemessenen Weg zu finden, um gute Entscheidungen vorzubereiten. Gerade in Krisenzeiten scheint mir das umso wichtiger, weil wir da dazu neigen, uns in unseren alten Sicherheiten einigeln zu wollen. Nein – auch jetzt gilt: raus aus der Komfortzone, rein ins Abenteuer – in die Welt neuer Gedanken, ins Abwägen, was weiter hilft und dem Leben dient. Raus aus allem Lammentieren über das, was sich gerade nicht ändern lässt. Raus aus der Klage, was ich anscheinend nicht tun könne, weil wesentliche Gewohnheiten meines Lebens gerade unterbrochen sind. Es kann doch nicht sein, dass eine Krise wie diese Corona-Pandemie mich so beeindruckt, dass sie mich in meinem perspektivischen Denken einschränkt. Ein paar Wochen vielleicht ja, doch bitte nicht auf  Dauer.

Gott hat uns mit der Zusage beschenkt, all unsere Wege mitzugehen. Der „Ich bin da“ zu sein jede Minute unseres Lebens. Das macht mich froh und mutig – manchmal sogar übermütig wie diese Mutter aus Kanaan.

09.08.2020   Risikofreudigkeit

Welche Steigerung soll es nach der Sozialwundergeschichte vom letzten Sonntag noch geben. Doch es gibt sie mit der heutigen Geschichte, die von den Erfahrungen der Jünger bei Nacht auf dem Boot erzählt. Eigentlich könnten sie es längst begriffen haben: Wer sich auf Jesus einlässt, der muss mit immer neuen Überraschungen rechnen. Sich auf Jesus einlassen, kann riskant kann – mindestens in den Augen derer, die ihm nachfolgen. Risiko hat mehrere Seiten, die sich in einige Fragen kleiden lassen: Bin ich bereit, mich auf das Unbekannte einzulassen? Bin ich bereit, am Anfang das Ende noch nicht zu kennen? Bin ich bereit, das Abenteuer zu wagen? Die Jünger und Jüngerinnen Jesu gingen dieses Risiko ein – und sie machten immer wieder überraschende Erfahrungen.

Dieser Petrus kennt das ja eigentlich schon. Er scheut das Risiko nicht, doch mit dem absoluten Vertrauen auf Jesus tut er sich letzten Endes dann doch wieder schwer. Auch heute will er es wieder einmal genau wissen als er Jesus auf dem Wasser laufen sieht. „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme“. Mehr Risikofreudigkeit ist kaum möglich. Auf dem Wasser laufen – wie soll das denn gehen! Hat Petrus wirklich damit gerechnet, dass Jesus ihn dann auffordert zu kommen? Wir wissen es nicht. Doch es blieb ihm dann nichts anderes übrig als es zu wagen. Und es kommt wie es kommen musste: Es windet ihm zu stark, er bekommt Panik und geht unter und schreit um Hilfe. Und wie jedes Mal kann er sich auf Jesus verlassen. Jesus nimmt seine Hand und zieht ihn wieder hoch. Er tut es allerdings nicht ohne deutliche Wort an Petrus: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt. Die anderen Jünger, die im Boot geblieben sind, sind aus dem Schneider. Sie fallen einfach auf die Knie und sagen „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn“. Sie schauen einfach zu und warten ab.

Beide Haltungen kennen wir: die Abwartende und die erwartungsvoll Mutige und die Herausforderung Suchende. Wer es wie Petrus macht, der handelt nach der Erfahrung „Wer wagt, gewinnt“. Dieser Petrus gewinnt die Einsicht, dass es sich lohnt, sich auf Jesus zu verlassen, dass es sich lohnt, allem zum Trotz darauf zu vertrauen, dass es immer einen Weg in die Zukunft geben wird. Die anderen Jünger sind verhalten nach dem Motto „Erst mal schauen, was mit unserem abenteuerlustigen Petrus passiert“. Sie erkennen auf andere Weise – zurückhaltend und in der vermeintlichen Sicherheit bleibend und sich verlassend auf Jesu Wort „Fürchtet euch nicht“. Beide Erkenntniswege kennen wir.

In diesem so bewegten und bewegenden Coronajahr kennen wir diese beiden Wege ebenso. Sie sind Haltungen in uns: Vertrauen und Zweifeln, Aktionismus im Versuch die sogenannte neue Normalität herzustellen, Aktionismus im Versuch, möglichst schnell alle Freiheitsrechte zurückzugewinnen. Petrus war nicht der Planvolle, der sich allein auf Jesu Wort verlässt. Er will Fakten setzen. Die anderen Jünger haben zwar auch keinen Plan, doch ihre Bedächtigkeit ist eine ebenfalls wichtige Eigenschaft, um ihr Ziel zu erkennen.

In den Krisen unserer Zeit, egal welche Namen sie haben – ob Corona, ob politische Wahlkämpfe, ob Seenotrettung, ob persönliche Weltuntergangsstimmung oder das Zerbrechen von Lebensperspektiven – beide Haltungen sind wichtig, die des Petrus und die der anderen Jünger. Beide finden ihren Höhepunkt in Jesu Zuspruch: Habt Vertrauen, ich bin bei euch, fürchtet euch nicht! Was kann uns Besseres passieren als uns genau darauf zu verlassen. Vertrauen zu haben gegen allen Zweifel und gegen alle Verzweiflung, unbändig zu glauben und zu vertrauen, dass mit Jesus kein Weg zu schwer sein wird und wir in eine lebenswerte Zukunft gehen werden.

 

02.08.2020   Leben in Fülle

Zur Zeit wird viel geklagt: Über die Maskenpflicht an bestimmten Orten, über die mögliche zweite Covid-19-Welle, über die wirtschaftlichen Folgen von Corona, über Insolvenzen, über Einnahmeverluste ... Ja, diese Klage hat ihre Berechtigung. Und trotzdem: Das Leben in Fülle erfahren wir ebenso. Dazu braucht es diese offenen Augen und dieses offene Herz, das mehr sieht. Jesus leitet genau dazu im Evangelium, das heute in katholischen Gottesdiensten verkündet wird, an. Da gibt es lediglich fünf Brote und zwei Fische. Jesus segnet sie und mindestens 20 000 Menschen wurden davon satt. Welch ein Wunder! Doch bevor dieses Wunder geschieht, werden viele geheilt von all dem, was sie krank gemacht hatte, von all dem, was sie gehindert hatte, auf das zu schauen, was für alle Leben in Fülle sein könnte. Als sie alle geheilt waren, geschieht das Brotwunder, das nur darin bestanden haben kann, dass alle miteinander teilten, was sie in ihren Beuteln dabei hatten. Solche Wunder können wir heute geschehen lassen: Wenn wir den Hunger der Welt stillen - denn es wird genug für alle produziert, wenn wir uns einsetzen für eine gerechte Verteilung der Güter der Welt. Wenn wir die Not des Nachbarn sehn und anpacken, wenn wir Trauernde trösten, wenn wir gute Worte verschwenden an alle, die uns begegnen - ob wir sie mögen oder nicht. Dann - davon bin ich überzeugt - werden wir Leben in Fülle spüren. Wenn wir den Finger in die Wunde der Ungerechtigkeiten legen, wenn wir Lösungen mitdiskutieren, die denen helfen, die durch Covid-19 mehr an Lasten zu tragen haben und in Not geraten sind. Und in diesem besonderen Jahr erst recht Leben in Fülle zu erfahren in all den vielen kleinen und auch größeren Dingen, die das Herz erfreuen, und in all der konkreten notwendigen Veränderung, die denen hilft, die gerade mehr an Last tragen, das ist möglich. Davon bin ich überzeugt.

 

Ab heute gibt es die Corona-Impulse an Sonntagen.

26.07.2020    Wo dein Schatz ist, ist auch dein Herz

Diese Erfahrung kennen die meisten: Wo mein Schatz ist, ist auch mein Herz. Wovon ist begeistert bin, was mich ganz einnimmt vor Freude, da bin ich ganz und gar mit meinem Herzen angekommen. Heute erzählt uns das Evangelium von der Perle, die ein Kaufmann fand und dann alles verkaufte und diese wundervolle Perle kaufte.
Welche kostbaren Perlen habe ich in meinem Leben gesammelt und bewahre sie in meinem Herzen, dami sie mich stärken und mir Kraft geben.

 

24.07.2020   Wohin geht es mit der Kirche

Ein Aufreger dieser Woche: das neue Papier aus Rom zur "pastoralen Umkehr der Pfarreien". Wer erfindet solch einen Titel, bei dem schon die Kategorisierungen nicht passen. Wohin geht es mit der Kirche? Dem Papier nach geht es um eine Rückkehr zur von Jesus gewollten Kirche. Aha! Im Papier, das Papst Fanziskus approbiert hat, werden hierarchische Strukturen zementiert, die alles auf den Priester konzentrieren und die Arbeit der engagierten Christen "demolieren" und sozusagen als Beiwerk zum Eigentlichen degradieren. Die Deutschen Bischöfe wurden völlig überrascht von diesem Schreiben. Der Kölner Kardinal lobt das Papier. Viele andere, unter ihnen der Rottenburger Bischof, sagen eindeutig, dass das Papier gar nicht geht. Und unser Bischof verspricht, bei dem 50 Jahre bewährten Weg unserer Diözese zu blieben.

Wie kommt man eigentlich in der derzeitigen Lage der Kirche und der Welt auf die Idee, solch ein Schreiben abzufassen? Ich würde einmal eine Hoffnungsbotschaft erwarten. Mir fehlt in dieser ganzen Pandemiezeit die Verkündigung der Sprengkraft des Evangeliums.

 

23.07.2020    Perspektivwechsel

Dieser wird von uns jeden Tag neu erwartet. Sich auf neue Situationen einstellen, sich in andere Menchen hineinversetzen, um sie und ihre Anliegen zu verstehen. Das kann anstrengend sein, ist allerdings unglaublich bereichernd und führt uns zu Begegnungen, die uns überraschen. 

   

22.07.2020     Maria Magdalena

Heute ist ihr Gedenktag. Sie ist eine der Frauen, die Jesus begleiteten. Sie ist eine seiner Jüngerinnen. In der Tradition der Kirche hat sie eine wechselvolle Geschichte. Zuerst Jüngerin, dann von der Tradition zur Sünderin und Prostituierten erklärt, inzwischen rehabilitiert und zur Apostolin der Apostel gekürt. Sie ist auch Patronin der Frauenrechteinitiativen in der Kirche: Maria 2.0. und Maria, schweige nicht. Heute, an ihrem Festtag, gibt es wieder Aktionen zu den Forderungen der Frauengruppierungen, denen auch Männer angehören. Setzen wir uns dafür ein, dass alle Christen ihre Berufung, die sie erkennen, leben können.

 

21.07.2020      Familienbande Jesu

Heute morgen haben ich Matthäus 12,46-50 gelesen. Da kommt Jesu Familie zu ihm, um mit ihm zu sprechen. Doch er reagiert völlig schroff und ablehnend: "Das hier - alle, die den Willen meines himmlischen Vaters erfüllen - sind meine Familie". Da können wir nur hoffen, dass auch Maria und Jesu Geschwister zu diesen Menschen gehörten. - Wie erfülle ich den WIllen des himmlischen Vaters? Welche Geschichte kann ich erzählen. Doch auch: Welche Fragen möche ich diesem himmlischen Vater gerade in dieser Zeit einmal stellen?

 

20.07.2020      20. Juli 1944

Deutscher Widerstand gegen Adolf Hitler. Dieses Datum kennt jede/r. EIn Gruppe um den Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg war gegen Hitler aufgestanden und versuchte ihn durch einen Staatsstreich zu beseitigen. Das klappte nicht. Das Attentat am 20.Juli 1944 war Schlusspunkt einer Kette von über vierzig Attentatsversuchen. Bis heute leben Völker auf der ganzen Welt in Diktaturen. Setzen wir uns dafür ein, dass Gerechtigkeit und Recht, dass die Würde von Menschen nicht länger mit Füßen getreten werden kann. Jede/r kann dazu etwas beitragen.

 

19.07.2020    Sonntagswunsch

"Habt einen sonnigen freudigen Sonntag, der glückliche Farben und Gefühle in Herz und Seele satt zeichnet. Das Leben lächelt und Du dankbar zurück." Beate Loraine Bauer gibt uns diesen Gedanken mit in diesen Tag, der schon in den frühen Morgenstunden und mit seinen Sonnenstrahlen anlächelt. DIe Glücksgefühle können also einziehen in unser Herz und unsere Seele satt machen. Beim Gottesdienst vielleicht, bei der Radtour durch die saftigen Felder und bunten Blumenwiesen. Die Natur zeigt uns gerade ihr schönstes Kleid. Mögen die kleinen Dinge, die wir heute entdecken und an denen wir uns freuen, ein wenig die Traurigkeit, die vielleicht in uns ist, wegwehen. Auf jeden Fall: Wisse dich begleitet von der Güte unseres Gottes.

 

17.07.2020   Zitat des Tages

Eigentlich suchten wir nur einen kleinen Notizzettel, um eine Telefonnummer zu notieren. Da kam aus der Jackentasche meines Bekannten ein kleines Kärtchen zutage mit einem wunderbaren Zitat des ehemaligen Chefredakteurs der Zeit Theo Sommer. Bei seinem 90. Geburtstag meinte er: "Was mich nach wie vor fasziniert: Der Vorgang des Schreibens selber, der unbegreifliche Mechanismus, wie sich aus Gedanken Worte bilden." - Wie wahr, so empfinde ich es, wenn ich kluge Gedanken lese oder selbst immer wieder in die Tasten greife. Gerade jetzt in dieser Zeit kann uns Schreiben helfen, die Gedanken zu sotieren.

 

16.07.2020  Wir sind wieder da!

Unter dieser Überschrift erzählen heute in meiner Zeitung 30 Kita-Kinder von ihrer Zeit ganz zuhause. Da gibt es eine Bandbreite an Erfahrungen von "Ich habe meine Freunde vermisst" bis "Ich habe nichts vermisst". Kinder in Betreuung wären gerne mal zuhause geblieben, erzählen sie. Diese Ehrlichkeit hat mir gefallen.

 

15.07.2020     Land nimmt geflüchtete Familien mit kranken Kindern auf

Eine gute Nachricht heute in meiner Zeitung. Eine gute Nachricht für diese Familien, dass sie endlich Hilfe erfahren und eine gute Nachricht für unser Land, dass wir diese HIlfe leisten. Es gibt so viele Themen unabhängig von Corrona, die auf der Tagesordnung so weit in den Hintergrund getreten waren. Se müssen endlich auch wieder angepackt werden.

 

14.7.2020      Du lebst nur einmal

So heißt eine Ausstellung, die gerade in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen ist. Mein Leben so zu gestalten, dass ich am Ende meiner Tage sagen kann "Es war gut so" - das wünsche ich mir. Ich kenne Erfolg und Enttäuschung, ich kenne die berühmtem unvergesslichen Augenblicke und den Alltag, die Routine. Während Krisenzeiten wie jetzt denke ich mehr über mein bisheriges Leben nach und bin dankbar. Ich bin gespannt auf das Kommende und dann am Ende meiner Tage auf die Vollendung meines Lebens.

 

13.07.2020    Frauen und Männer

Gestern Abend in terra X, meiner Kultsendung jeden Sonntagabend. Neue Forschungen, die nun auch schon einige Jahre alt sind, jedoch wenig bekannt, beweisen, dass es nicht immer so war, dass Männer Frauen überlegen waren, dass sie als die Mächtigen galten. In Wikingergräbern z.B. fand man Kriegerinnen, die Heere anführten, bestattet mit all den Grabbeigaben, die wir von Männern kennen. DNA-Analysen beweisen eindeutig, dass Frauen die gleiche Stellung wie Männer hatten. Mit der Seßhaftwerdung änderte sich viel. Die Frauen zogen als sie heirateten, an den Ort des Mannes. Daraus wurde irgendwann bis in unser Jahrhundert hinein eine Verpflichtung. Efahren habe ich auch, dass wissenschaftliche Ergebnisse verfälscht wurden, weil Männer sich nicht vorstellen konnten, dass es etwas gibt, was sie selbst nicht für möglich hielten.

Wie gut, dass wir heute so viel wissen können und so viele Möglichkeiten haben, die Vergangenheit für die Gegenwart zu erkunden. Mögen wir viel lernen aus der Forschung und ihren Ergebnissen - auf allen Gebieten des Lebens.

 

12.07.2020    Träumt Gott einen unerfüllbaren Traum?

"Das Wort aus meinem Mund kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe" - so spricht Gott heute in der Tageslesung aus dem Buch Jesaja. Träumt da Gott einen Traum. Ist das nicht eine Utopie - einer jener unerreichbaren Gedanken, die nicht Realität werden? Wahrscheinlich muss ich querdenken, um die Ecke denken, und ahnen, dass Gott immer noch einmal anders denkt als ich. Dass seine Wege nicht meiner Logik entsprechen, sondern eier göttlichen Logik. Dennoch: Gott braucht unsere Hände und Füße, unser Herz und unseren Mund, damit seine große Verheißung des Reiches Gottes zur vollen Erfüllung kommen kann.

 

11.07.2020      Haltungen für gelingendes Leben

Heute ist der Gedenktag von Benedit von Nursia. Er war Ordensgründer. Seine Regel enthält für seine Gemeinschaften wesentliche Haltungen, mit denen das Leben gelingt. Die Bekannteste heißt "ora et labora" - "bete und arbeite" - und das in einem ausgewogenen Verhältnis. Halte dabei eine gute Balance. Und eine weitere Regel spielt bei ihm eine große Rolle: Die Gastfreundschaft. In einer globalisierten und multikulturellen Gesellschaft ist mit der Gastfreundschaft verbunden, sich auf Situationen und Menschen einzulassen, die einem fremd sind. Mich locken solche Situationen immer wieder an, weil mich Kulturen faszinieren. Das wünsche ich uns allen: Diesen Blick über das Eigene hinaus und den Reichtum, den genau das beschert.

 

09.07.2020    Lass die Sonne in dein Herz

Lass die Sonne in dein Herz
Schick' die Sehnsucht himmelwärts
Gib dem Traum ein bisschen Freiheit
Lass die Sonne in dein Herz

1996 eroberte der Song der Gruppe WInd die Hitlisten. Lass die Sonne in dein Herz, wenn du traurig bist, wenn du keine Worte mehr findest vor Schreck, wenn du trauerst, wenn du nicht weißt wie es weiter geht, wenn die Enttäuschungen und Sorgen tief sitzen. Gestern hat eine Tagungsgruppe den Song plötzlich angesungen. Sie sangen damit an gegen alle depressiven Verstimmungen dieser Monate. Sie sangen der Hoffnung ein Lied - der Hoffnung und der Verheißung, dass Gott seine Sonne aufgehen lässt über Guten und Bösen. 

Schick die Sehnsucht himmelwärts - welch ein Vertrauen, welche eine Hoffnung, dass es mehr gibt als die gegenwärtige Stimmung, dass es in unser aller Leben aufwärts gehen wird nach den sogenannten Tiefschlägen, dass wir Wege finden werden, die uns die Sonne wieder spüren lassen. Christen verbinden mit dieser Gott den lebendigen Gott, der alle Wege mit gehtund in allen Krisen nahe ist. Das macht mir täglich neuen Mut uns gibt mir Halt.

 

08.07.2020    Herz-Patienten meiden Kliniken wegen Corona

Selbst Herzpatientin fällt mir diese Titelblattschlagzeile heute sofort in Auge. Angst vor Ansteckung und falsche Rücksichtnahme auf das Klinikpersonal hätten in der Coronazeit dazu geführt, dass viele schwerere Kankheitsverläufe festgestellt wurden. Solche Nachrichten erschrecken und befremden mich. Ich zweifelte keinen Tag an der Sicherheit in meiner gewählten Klinik. Panikreaktionen sind nicht die Lösung, wenn es um die Gesundheit geht. Da geht es um den nüchternen Faktencheck und um den dann notwendigen Schritt in die Klinik oder zum Arzt. 

 

07.06.2020     "Das Schlimmste steht uns noch bevor"

wurde heute morgen in den Nachrichten der Chef der WHO zitiert. Diese Botschaft ist nicht ganz neu; dennoch hat sie mich wieder erschreckt. Von einer möglichen zweiten Welle ist seit Wochen die Rede. Das Virus fordert uns viel Respekt ab und viel umsichtiges Handeln. Die vielen Lockerungen gefährden den Erfolg. Würde ein zweiter Lockdown notwendig, wäre er kaum durchzusetzen. Geht es um Wirtschaft oder Gesundheit - diese Frage wird offen gestellt. Sie führt in ein Dilemma, in dem es keine Gewinnerentsscheidung geben kann. Das ist das Kennzeichen jedes Dilemmas.

Bleibt die Umsichtigkeit jedes und jeder einzelnen von uns.

 

06.05.2020    Gott, ich bleibe immer bei dir ...

Der Beter des Psalm 73 spricht so. Aus dem Kontext heraus kann man ahnen, dass hinter diesem Lobpreis oder Versprechen Lebenserfahrung steht: nämlich die Erfahrung, dass es sich lohnt, egal, was auch passiert, auf Gott zu vertrauen - dass die göttliche Kraft mein Leben hält. Das möchte ich gerne glauben alle Tage meines Lebens - und ich wünsche es Ihnen und Euch

 

05.07.2020    Rassismuss im Alltag

Ich lese gerade "Was weisse Menschen nicht über Rassismuss hören wollen, aber wissen sollten" von Alice Hasters. Die Autorin kennt sich damit aus - mit den kleinen, oft unbewussten rassistischen Bemerkungen im Alltag. Das beginnt bei der Frage, die schwarze Menschen oft hören müssen: "Wo kommst du her?" Dahinter steckt die Vorstellung, dass schwarze Menschen nur zugewandert sein könnten. Alice Hasters antwortet dann "Ich bin in Köln geboren". Ihr Gegenüber scheint verwundert. Sie erzählt viele Erfahrungen aus ihrem Leben und ordnet sie ein. Alice  Hasters steht auf für eine gleichberechtigte Welt.

Die Lektüre des Buches lohnt sich für jede/n, die/der in sich das Gefühl oder die Meinung trägt, Schwarze hätte keinen selbstverständlichen Platz in unserer Gesellschaft. Und es ist ein Buch für alle, die bereits meinen, den eigenen Rassismus abgelegt zu haben.

 

04.07.2020   Geistlicher Notfallkoffer

Meine Mutter konnte viele Gebete auswendig. Das war gut so, denn sie wurde irgendwann so schwer krank, dass sie kein Buch mehr zum Beten nehmen konnte und ihr die eigenen Worte mühsam wurden oder fehlten. Und bis heute erlebe ich immer wieder Menschen, die mir sagen, dass sie ihren geistlichen Notfallkoffer gepackt haben für schwieirige Zeiten. Da können unterschiedliche Dinge hineingehören: Bibelzitate, gute Erinnerungen, innere Bilder,  stärkende Lebenshaltungen, mutige Gedanken, ... - Was packt du in deinen Koffer für schwere Tage?

 

02 - 03.07.2020    Ein Bild der Sehnsucht

Ich war in Basel. Es hat noch geklappt, dass ich die ausgezeichnete Ausstellung mit Bildern von Edward Hopper sehen konnte. Ein Bild hat es mir besonders an getan: Cape cod morning. 1950 ist es entstanden. Es zeigt auf der linken Seite ein Haus. Eine Frau steht in einem Erker und schaut in die Ferne. Ihr Ziel scheint außerhalb des Bildes zu liegen. Ihr Körper ist leicht nach vorne geneigt, die Hände sind leicht aufgestützt. Sie schaut in die Landschaft - eine Landschaft, die die Farben des Erkers aufnimmt. Ein Blick voller Sehnsucht - was sie in der Ferne erkennt, bleibt dem Betrachter verborgen oder auch überlassen, es selbst zu deuten.

Das Bild lädt mich ein, meiner eigenen Sehnucht nachzuspüren. Mit dieser Frau kann ich mich gut identifizieren. Es zieht sie magisch hinaus aus dem Haus, in dem sie sich gut eingerichet hatte, in dem sie lebt, sich mit Menschen trifft, aus dem sie allerdings auch immer wieder hinaus will - ins Weite, um Neues zu entdecken und ihrem Leben zu immer mehr Fülle zu verhelfen. Das wünsche ich allen Menschen, mir, Euch und Ihnen -die Fülle des Lebens.

 

01.07.2020     Impuls 103

Wenn ich richtig gezählt habe, ist das heute Impuls Nr. 103. Keine Jubiläumszahl, doch auch erwähnenswert. Jeden Tag kleine Reflektionen über das Leben, über die aktuellen Nachrichten, Kommentare zur Entwicklung der Pandemie, zu Fragen und Themen des Glaubens. Gerne gebe ich weiter, was mir auffällt. Gestern Abend traf sich eine kleine Gruppe und teilte Erfahrungen der vergangenen Monate. Da war alles drin: Freudiges und auch viel Leidvolles, Sorgen um nahestehende Menschen, die schwer krank sind, unendlich viele Herausforderungen im Alltag, die soviel mehr an Gewicht bekommen haben in dieser besonderen Zeit. Und gleichzeitig auch das Vertrauen auf Gott.

Passend zum 103. Impuls deshalb heute Psalm 103 in der Übersetzung "Hoffnung für alle" (Internetabruf heute: https://www.bibleserver.com/HFA/Psalm103):

1 Ich will den HERRN loben von ganzem Herzen, alles in mir soll seinen heiligen Namen preisen! 2 Ich will den HERRN loben und nie vergessen, wie viel Gutes er mir getan hat. 3 Ja, er vergibt mir meine ganze Schuld und heilt mich von allen Krankheiten! 4 Er bewahrt mich vor dem sicheren Tod und beschenkt mich mit seiner Liebe und Barmherzigkeit. 5 Mein Leben lang gibt er mir Gutes im Überfluss, er macht mich wieder jung und stark wie ein Adler. 6 Was der HERR tut, beweist seine Treue, den Unterdrückten verhilft er zu ihrem Recht. 7 Er weihte Mose in seine Pläne ein und ließ die Israeliten seine gewaltigen Taten erleben. 8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, groß ist seine Geduld und grenzenlos seine Liebe! 9 Er beschuldigt uns nicht endlos und bleibt nicht für immer zornig. 10 Er bestraft uns nicht, wie wir es verdienen; unsere Sünden und Verfehlungen zahlt er uns nicht heim. 11 Denn so hoch, wie der Himmel über der Erde ist, so groß ist seine Liebe zu allen, die Ehrfurcht vor ihm haben. 12 So fern, wie der Osten vom Westen liegt, so weit wirft Gott unsere Schuld von uns fort! 13 Wie ein Vater seine Kinder liebt, so liebt der HERR alle, die ihn achten und ehren. 14 Denn er weiß, wie vergänglich wir sind; er vergisst nicht, dass wir nur Staub sind. 15 Der Mensch ist wie das Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Feld. 16 Wenn der heiße Wüstenwind darüberfegt, ist sie spurlos verschwunden, und niemand weiß, wo sie gestanden hat. 17 Die Güte des HERRN aber bleibt für immer und ewig; sie gilt allen, die ihm mit Ehrfurcht begegnen. Auf seine Zusagen ist auch für die kommenden Generationen Verlass, 18 wenn sie sich an seinen Bund halten und seine Gebote befolgen. 19 Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, über alles herrscht er als König. 20 Lobt den HERRN, ihr mächtigen Engel, die ihr seinen Worten gehorcht und seine Befehle ausführt! 21 Lobt den HERRN, ihr himmlischen Heere, die ihr zu seinen Diensten steht und seinen Willen tut! 22 Lobt den HERRN, alle seine Geschöpfe, an allen Orten seiner Herrschaft soll man es hören! Auch ich will den HERRN loben von ganzem Herzen!

 

30.06.2020      Kolping für Senior/innen: Urlaub mit der Überraschungstasche

Viele können oder wollen dieses Jahr nicht wegfahren und verbringen den Sommer in Ergenzingen. Für alle Kolpingmitglieder und alle Bürger/innen, die teilnehmen möchten, bieten wir einen besonderen Urlaub an. Wir packen für Euch/Sie für zwei Wochen eine Überraschungstasche mit Ideen für jeden Tag vom 2.-16. August 2020. Die Ideen kann jede/r zuhause umsetzen. Teilnehmen kann jede/r ab 60 Jahre. Kosten entstehen keine. Geh aus mein Herz und finde Freud – dazu möchten wir beitragen. Anmeldung bis 17.7. bei Alfred Nisch unter Tel: 2525.
Wir sind ein Team von neun Personen, die für Euch und Sie die Aktion vorbereitet. Zwei Tage vor dem Starttermin bringen wir Euch Eure Tasche vorbei.

 

29.6.2020      Wer den Berg rauf geht, muss auch wieder runter

Gestern war ich mit einer Freundin in Horb unterwegs und wir stiegen viele Treppen auf und ab und es war steil. Ptöltzlich sagte sie: "Wer den Berg rauf will, muss dann auch wieder runter". Wir lachten herzhaft, weil wir ja eigentlich keine Berge bestiegen, uns gestern allerdings schnell die Puste ausging. Doch wir wurden so belohnt - mit wunderschönen angelegten kleinen Gärten, mit einem tollen Blick. Dieser banale Satz klingt nicht so, ist allerdings sehr tiefgründig. Ja, wer raufgeht, muss auch wieder herunter. Das ganze Leben ist voll von Höhen und Tiefen, den kleinen des Alltags und den großen Einschneidenden. Wie sehr hat uns die Coronakrise auf den Boden vieler Tatsachen gestellt. Bedeutete und bedeutet für so viele Menschen tiefe Einschnitte in das Gewohnte. Machte auf viele notwendige Veränderungen und Erneuerungen aufmerksam. Brachte vielen Leid, anderen einen Neuanfang.

Die Jünger, die mit Jesus den Berg Tabor bestiegen hatten, machten genau diese Erfahrung. Sie waren oben angekommen, hatten dort eine wunderbare Erfahrung und mussten sich dann wieder in den Alltag begeben, der seine eigenen Aufgaben und Herausforderungen für sie bereithielt. Zuvor wollten sie auf dem Gipfel des Berges noch drei Hütten bauen und die tiefen Augenblicke festhalten. Doch sie mussten lernen. Sie können nichts festhalten, sondern sich nur weiter dem Leben stellen, das keinen Stillstand kennt.

Übrigens endete unser kleiner Auflug auf dem Rauschbart im Biergarten, wo wir noch einmal mit einem wunderbaren Ausblick und einem schmackhaften Essen belohnt wurden, um dann rundum gestärkt in die neue Woche gehen zu können.

 

28.6.2020      Sonntagsgedanken          "Ich bin, weil wir sind"

Ubuntu - "Ich bin, weil wir sind". Von der südafrikansichen Philosophie lernen wir, dass jeder Mensch durch durch die Existenz anderer leben kann. Desmond Tutu beschreibt es so: »Ubuntu heißt, dass ich dich als Gegenüber brauche, um mich zu erkennen. Genauso wie du mich brauchst, um ganz du selbst zu werden«. Welch ein Schatz spricht aus diesem UBUNTU! Welche eine Weisheit für gelingendes Leben. Jeder Mensch ist ein Teil des Ganzen. 

„Ich bin, weil wir sind“ ist wie ein Kurzkommentar zur Lesung des heutigen Sonntags: 2 Könige 4,8-16. Der Prophet Elischa kommt immer wieder zu einer vornehmen Frau und ihrem Mann, um bei ihnen zu essen. Das wurde eine gute Gewohnheit. Die Frau kennt Elischa eigentlich gar nicht, sie vermutet allerdings, dass er ein besonderer Mensch sein muss. Sie hält ihn für einen Gottesmann. Für ihn möchte sie noch mehr Gutes tun. Sie überredet ihren Mann, ein kleines gemauertes Obergemach herzurichten und dort ein Bett, einen Stuhl und Leuchter für ihn bereitzustellen. Sie macht all dies, nicht weil sie etwas von Elischa erwartet, nein, sie lebt nach dem Sprichwort „ich bin, weil wir sind“. Die Erfahrung, die diese Frau mit Elischa später macht, ist großartig. Es ist eine Erfahrung, die ihr ganzes Leben verändert hat. Elischa versicherte ihr, dass ihre große Sehnsucht nach einen Sohn doch noch erfüllt werden wird. Er wird für sie einmal sorgen, wenn ihr schon alt gewordener Mann nicht mehr die Kraft haben wird, für sie da zu sein. „Ich bin, weil wir sind.“

 

27.06.2020    Seesterne

Ein alter Mann geht bei Sonnenuntergang den Strand entlang. Er beobachtet vor sich einen jungen Mann, der Seesterne aufhebt und ins Meer wirft. Er holt ihn schließlich ein und fragt ihn, warum er das denn tue. Der junge Mann antwortet, dass die gestrandeten Seesterne sterben, wenn sie bis Sonnenaufgang hier liegen bleiben. „Aber der Strand ist kilometerlang und tausende Seesterne liegen hier. Was macht es also für einen Unterschied, wenn Du Dich abmühst?“, sagt der alte Mann. Der junge Mann blickt auf den Seestern in seiner Hand und wirft ihn in die rettenden Wellen. Er schaut den alten Mann an und sagt: „Für diesen hier macht es einen Unterschied.“ (William Ashburne)

Die Geschichte stand heute in meiner Tageszeitung. Sie hat so viel zu tun mit unserer Art zu denken und zu leben. Lasst Euch anregen.

 

26.06.2020        Hör auf zu meckern

Mein tolles Buch "Ein Stückchen Glück für jeden Tag" empfiehlt heute "hör auf zu meckern". Ein wahrhaftig guter Tipp. Viele sehen gerne und schnell jedes Haar in der Suppe, erkennen sofort jeden Mißstand, maßregeln gerne jede/n, der/die nicht ihrer Meinung ist, tun Unzufriedenheit lautstark kund. Wirklich hilfreich ist das nicht, es sei denn, daraus wird ein produktiver kommunikativer Weg, viele DInge zu verbessern. Corona ist eine Zeit des In-sich-Gehens und ich erlebe auch eine Zeit des Meckerns UND des Aufdeckens vieler Aufgaben, die in unserer Gesellschaft angegangen werden müssten. Wenn letzteres dann zum Wohle aller passiert, ist Aufdecken ein guter Zug.

 

25.06.2020         Unterbrechungen

Impulseunterbrechung, weil meine Technik streikte. Unterbrechungen gibt es so viele in unserem Leben. Unterbrechungen bedeuten immer ein Achtsamsein auf das, was mir geschieht, auf das, was um mich herum passiert. Die letzten Monate haben unsere Achtsamkeit erhöht - die Achtsamkeit auf sich selbst, die anderen, die vielen Ereignisse selbst im Stillstand, die Überflutung mit Pandemienachrichten und ihren Folgen.

Tragen wir all das vor Gott, dass unsere Gedanken und Gefühle, unsere Sorgen und unsere Not bei ihm geborgen sind.

 

22.06.2020         Thomas Morus (1478-1535)

Sein Gedenktag ist heute. In seinem Werk "Utopia" entwarf er ein Gesellschaftsbild, in der die Gleichheit aller Bürger/innen, gemeinschaftlicher Besitz, Bildung und innerer Friede bestimmend sind. Für diese Utopie fand er nicht nur Zustimmung, sondern auch viel Ablehnung. Sein Ansatz folgt dem Prinzip der absoluten Würde des Menschen. Gemeinschaftlicher Besitz sind aus meiner Sicht heute gemeinsame Werte, für die sich alle oder mindestens viele einsetzen, ist unser Grundgesetz, ein gutes Gesundheitssystem und vieles andere mehr. Der Gemeinwohlgedanke steckt darin. Dieser Gemeinwohlgedanke prägte später Adolph Kolping. Es lohnt sich, diesen zu stärken.

 

21.06.2020         Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist

Der Anfang eines modernen Kirchenliedes regt mich immer wieder an, nachzudenken, welche neuen Wege denn Gott mit mir, mit uns, mit dieser Welt gehen möchte. Die lange Unterbrechung des Gewohnten durch Corona lenkt wie von selbst den Blick auf diese Frage. Und auch diese Frage ist wiederum eine Unterbrechung meines Alltags. Auf welchen Weg Gott mich persönlich weist, scheint manchmal klar auf, manchmal ist es noch nicht ganz klar zu sehen, nur in Umrissen. Unsere Gesellschaft und unsere Welt steht ebenso ständig vor der Frage, auf welchen Weg Gott weist, oder profaner gesagt, welche Aufgaben anstehen, damit alle in Frieden und Gerechtigkeit zusammenleben können. 

Leben heißt sich regen, Leben heißt wandern - heißt es weiter im Lied. Und bei dieser Lebensweise Gottes Bogen leuchtend am Himmel zu sehen - sein Treuezeichen an uns Menschen. Das wir Gottes Treue vertrauen, wwünsche ich uns allen.

 

20.06.2020          Weltflüchtlingstag

Das Coronavirus hat auf Menschen, die durch Flucht ihr Zuhause verloren haben, ein weiteres Risiko geschaffen. In überfüllten Flüchtlingslagern und in provisorischen Siedlungen kann sich das Virus viel schneller ausbreiten als wenn sie unter besten hygienischen Bedingungen leben könnten. In vielen Ländern, wie Syrien, Äthiopien, Burkina Faso, herrschen Nahrungsmangel und eine schlechte gesundheitliche Versorgung.

Jede/r von uns kann etwas tun – Sich informieren und selbst im eigenen Umfeld Aufklärungsarbeit leisten, etwas spenden, und nicht zuletzt beten.

 

19.06.2020          Wir hatten uns viel zu berichten …

… in der ersten Vorstandssitzung nach dem Lockdown. Voneinander hören wie es uns in den letzten Monaten erging. Das war total unterschiedlich. Für einige waren das Herunterfahren müssen und die Entschleunigung hart und wohltuend zugleich. Sich vormundet fühlen, weil man durch unterschiedlichste Hinweise immer wieder hörte, dass man geschützt werden müsse, war für einige hart, weil sie selbst wussten, wie sie sich am besten schützen können. Vom regelmäßigen Hausbeschulungseinsatz bei den Enkeln erzählt einer – anstrengend meinte er nur. Einige hatten mit ihrer eigenen Gesundheit ziemlich zu tun. Andere waren im Homeoffice oder arbeiteten normal an ihrem Arbeitsplatz weiter. Die Hoffnung, dass der Ausnahmezustand nur wenige Wochen dauern würde, hatte sich bei allen schnell zerschlagen. Die Proteste vieler Menschen gegen die Maßnahmen der Regierung konnte keiner nachvollziehen. Keiner sah Grundrechte in Gefahr, vielmehr war man sich einig, dass die Maßnahmen die Rettung waren, damit Covid 19 bei uns nicht zur totalen Katastrophe führte. Abstand halten hat wenig Sympathisches. Da hoffen alle, dass das einmal wieder anders werden wird. Den Freiwilligendienst in Peru abbrechen zu müssen, war hammerhart – herausgerissen werden aus den guten und wichtigen Erfahrungen.

Ich kann die vielen Nuancen gar nicht erzählen. Auf jeden Fall waren wir alle dankbar, durchgehalten zu haben. Nun stehen die Fragen an, wie Kolpingarbeit und –themen mit und nach Corona aussehen.

 

17.06.2020          Insolvenzen und Gewinner der Pandemie

Auf mehreren Seiten meiner Tageszeitung ist heute von bevorstehenden Insolvenzen die Rede. Das ist tragisch. Traditionsreiche Unternehmen schaffen es nicht mehr, sich am Markt zu halten. Für einige war Corona der Verstärker ihrer teils bereits brisanten Situation. Hoffentlich wird es gute Sozialpläne für die Mitarbeiter/innen geben. In der gleichen Zeitungsausgabe ist auch wieder von Gewinnern der Pandemie die Rede. Der Onlinehandel von einigen Unternehmen blüht und blüht. Das ist gut für diese Unternehmen. Die Auslieferungsbranche jedoch kommt kaum noch hinterher mit dem Pakete vor die Haustüren schleppen. Alles im Leben hat zwei Seiten. Diese Binsenweisheit ist so was von wahr. Unser Einkaufsverhalten wird es mit entscheiden, wer sich am Markt halten kann und wer ganz in der digitalen Welt aufgeht.

 

16.06.2020          Grenzen wieder geöffnet – und die Corona-Warn-App

Vorhin in den Nachrichten: Grenzen wieder geöffnet. Ich freue mich, endlich wieder nach Basel ins Museum zu können. Dort wurde – Gott sei Dank – eine Ausstellung mit Bildern von Ferdinand Hodler verlängert. Ich wollte sie unbedingt anschauen und habe mir ersatzweise schon mal das Buch zur Ausstellung gekauft.

Gleichzeitig in der Zeitung die Erläuterungen zur Corona-Warn-App gelesen. Nun ist sie da – für die einen endlich – für die anderen störend. Wie werdet Ihr reagieren? Werdet Ihr sie herunterladen, um mit dieser absolut datenschutzkonformen App mitzuhelfen, dass Corona nicht noch einmal die Oberhand gewinnt?

 

14.06.2020          Verschwörungstheorie?

Aus dem Newsletter der ökumenischen Initiative „andere zeiten“ von diesem Wochenende:

»Als ich neulich auf der Arbeit über Verschwörungstheorien schimpfte, sagte ein Kollege zu mir: ›Sei du mal ruhig! Als Christin bist du doch auch eine Verschwörungstheoretikerin!‹ Darauf fiel mir erstmal nichts ein. Ihnen?«
Christine Scholz, Kaufungen

»Verschwörungstheorien wollen komplizierte Sachverhalte möglichst einfach, ohne Rücksicht auf widersprechende Fakten erklären. Das Christentum, so wie ich es verstehe, möchte gar nichts erklären, sondern Trost, Kraft und Orientierung geben. Manchmal werden religiöse Überzeugungen allerdings als Erklärungen benutzt und dann wie Verschwörungstheorien verwendet (etwa: Pandemie = Strafe Gottes). Aber gegen solchen Missbrauch spricht der für mich schönste Satz der Bibel: ›Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken‹ (Jesaja 55,8). Mit anderen Worten: ›Es ist alles durchdacht – aber ihr begreift es nicht. Vertraut mir einfach!‹«
Frank Hofmann

 

13.06.2020          Black Lives Matter

Übersetzt: „Schwarze Leben zählen“ ist eine Bewegung, die in den vergangenen Tagen in vieler Munde ist. Die Bewegung demonstriert gegen Rassismus – aktuell in Solidarität mit George Floyd. Die gebürtige Stuttgarterin Nadia Asiamah hat zusammen mit anderen jungen Menschen die Demonstrationen in Deutschland organisiert. Allen, die zu den „Silent-Demonstrationen“ gehen, gilt mein Respekt. Wie die Überlegungen zur Änderung des einen Satzes im Grundgesetz weitergehen, werden wir sehen. Eigentlich gibt es da nicht viel zu diskutieren. Dass das Thema Rassismus und wie gelingt es, ihn mindestens zu minimieren, neben Corona einen herausragenden Platz in den News findet, ist gut und überfällig gewesen.

 

12.06.2020          „Man kann Lebenshunger haben. Aber mit Lebensgier verfehlt man sein Ziel“

Etty Hillesum, die niederländische Lehrerin, in Auschwitz ermordet, hat das einmal gesagt. Sie war eine kluge philosophisch denkende Frau. Lebenshunger ist die Sehnsucht nach Glück und die Suche nach Fülle. Lebensgier beschreibt den Zustand, nie zufrieden zu sein, nie an dem Punkt zu kommen, Verantwortung für das Lebensglück, das man bereits gewonnen hat, zu übernehmen.

In den vergangenen Monaten haben wir neu unterscheiden gelernt zwischen Lebensgier und Lebensglück. Das möge uns und unserer Welt zu Gute kommen.

 

11.06.2020          Fronleichnam: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“

„Aus Goethes Faust stammt dieses Zitat. Faust entdeckt bei einem Osterspaziergang das Schöne in seinem Leben, nach unruhigen negativen Gedanken und Gefühlen in  seinem Leben erfüllt ihn wieder die Freude und der Blick nach vorn und er spürt „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“.

Wer von uns möchte das nicht, einfach sein dürfen, leben ohne Reglementierung und Ressentiments, die Achtung und den Respekt der Menschen in seinem/ihrem Umfeld spürend, Anerkennung erhaltend. Genau um diese Würde geht es in der aktuellen Diskussion um neue Diskriminierungen und den Alltagsrassismus. Wer sich mit Tiefgang und gleichzeitig mit Humor dieser Thematik widmen möchte, dem sei Marius Jung empfohlen. Im Internet finden sich von ihm einige Spots zum Thema.

Fronleichnam hat durchaus viel mit diesem „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“ zu tun, denn dieser Jesus war es, der allen Menschen genau diesen Respekt und diese Würde gab. Er würdigte Vielfalt und Diversität. Verschiedenheit der Menschen war für Jesus immer eine Gelegenheit, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, ins Gespräch zu kommen, mit Klarheit versöhnend und heilen zu wirken. Genau das gehört zur Hingabe Jesu, die wir an Fronleichnam in der Verehrung eines Stückchen Brots feiern.

 

10.06.2020          Diskriminierung nimmt zu

So lese ich es gerade täglich in meiner Tageszeitung und es erschreckt mich auch täglich neu. Was denken sich Menschen, wenn sie andere diskriminieren? Welche Vorstellung haben sie vom höchsten Artikel des Grundgesetzes, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und jede/r unabhängig seiner Herkunft, Religion und seines Standes dieses Recht hat? Dass viele gegen Diskriminierung und Rassismus aktuell auf die Straße gehen, freut mich.

Kolpingmenschen sind Mitglieder eines Verbandes, der sich für die Würde des Menschen und gerechte Lebens- und Arbeitsbedingungen einsetzt. Gerade jetzt sind wir aufgefordert, unseren Mund aufzumachen und gegen Diskriminierung und gegen Rassismus aufzustehen.

 

09.06.2020          Ich werde für dich sorgen

Kennst du diese Geschichte: Der Prophet Elija war in Not geraten. Kein Regen fiel auf das Land. Kein Wasser ist mehr da und keine Ernte. Er hat nichts zu essen und zu trinken. Elija hört die Stimme Gottes: Geh nach Sarepta und besuche die dort lebende Witwe und ihren Sohn. Sie wird für dich sorgen. Ohne zu zögern geht Elja zu ihr und bittet sie um Wasser und Brot. Da zeigt sich, dass sie selbst nichts hat. Sie bereitet sich mit ihrem Sohn auf ihre letzte Mahlzeit auf den letzten Resten vor, um dann zu sterben. Elija überredet sie, ihm noch eine Kleinigkeit zuzubereiten und verspricht ihr dazu auch noch, dass sie in Zukunft in Fülle leben würde. Keine Ahnung, was die Witwe bewogen hat, diesem törichten Versprechen zu glauben. Doch sie tut es und es geschieht wie Elija ihr gesagt hatte: Der Mehltopf wurde nicht leer, der Ölkrug versiegte nicht mehr (nach 1 Könige 1,1-16).

Kaum zu glauben, was dieses unverbrüchliche Vertrauen des Elija in seinen Gott und der Witwe in die Worte des Elija bewirkte. So geschehen Wunder: Im Zuspruch an den anderen, in der Verheißung und im Aufzeigen eines Weges. – Stehen wir einander bei in diesen Krisenmonaten, dann wird es allen gut ergehen.

 

08.06.2020          Seligpreisungen

Im heutigen Tagesevangelium werden uns die Seligpreisungen in der Fassung von Matthäus 5,1-12 vorgestellt.

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie.
Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

Die einen sagen: So funktioniert die Welt nicht. Die anderen setzen auf ihre Sehnsucht und wissen, dass sie sich erfüllen wird. Die einen sagen: Wer arm ist, hat selbst Schuld. Die anderen sehnen sich danach, dass ihr Lohn gerecht ist. Die einen sagen: Die Zeit heilt alle Wunden. Die anderen sehnen sich danach, dass ihre Tränen abgewischt werden. Die einen sagen: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Die anderen sehnen sich danach, dass Geschrei und Schmerz enden. Die einen sagen: Fleiß und Disziplin helfen gegen Hunger und Durst. Die anderen wissen, dass ihnen um Gottes willen niemand die Würde nehmen darf. Die einen sagen: Barmherzigkeit hat sich noch nie ausgezahlt. Die anderen sehnen sich danach, dass das Recht ströme wie Wasser. Die einen sagen: Die Welt will betrogen werden. Die anderen sehnen sich danach, dass Gerechtigkeit ströme wie ein nie versiegender Bach. Die einen reden vom Frieden und meinen ihren Sieg. Die anderen sehnen sich danach, dass sich Gerechtigkeit und Frieden küssen.
Wer sind wir? Die einen? Die Kinder Gottes voller Sehnsucht? Ach, wann wird sich die Sehnsucht der Kinder Gottes erfüllen?
(entnommen: Internetbruf 8.6.2020: https://www.maria-laach.de/te-deum-heute/)

 

07.06.2020          Gott offenbart und zeigt sich – kaum zu glauben

Aus dem Buch Exodus:
Früh am Morgen stand Mose auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der HERR aufgetragen hatte. Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit. Der HERR aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Er rief den Namen des HERRN aus. Der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue … Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden. Er sagte: Wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, mein Herr, dann ziehe doch, mein Herr, in unserer Mitte!

Immer wieder fasziniert mich diese Stelle, in der Gott sich Mose so unmittelbar zeigt. Gott begibt sich auf Augenhöhe zu Mose – welch ein Segen für Mose. Welch‘ ein Segen für uns, zu wissen, dass Gott nicht irgendwo „droben in den Himmeln wohnt“, wie es ein Lied besingt, sondern mitten unter uns Menschen lebt und wirkt. Dieser Gott will mit uns in Beziehung sein – in enger Beziehung. Ja, Gott ist treu – das habe ich oft erfahren in meinem Leben und ich wünsche es Ihnen und Euch, dass Ihr spüren könnte: Gott ist treu – ob in Krisenzeiten oder im Routinealltag.

Einen gesegneten Sonntag!

 

06.06.2020          Grenzen abbauen und der Alltagsrassismus

Die europäischen Grenzen werden gerade wieder geöffnet, Reisen wird wieder möglich. Innerhalb des Schengenraumes wird bis Ende Juni die volle Freizügigkeit wiederhergestellt sein, so die Nachrichten. Viele betonen, wie wichtig es sei, Grenzen niederzureißen. Das meine ich auch. Ich denke dabei vor allem auch an die Grenzzäune in den Köpfen. Die Grenzen zum Nächsten, die Vorurteile gegenüber Menschen anderer Hautfarbe als der eigenen. Rassismus gibt es beabsichtigt und unbeabsichtigt in vielen Situationen. Werden wir aufmerksamer für die Menschen, mit denen wir zusammenleben, die in unserer Umgebung wohne und arbeiten – egal welcher Hautfarbe, Nation oder Religion. Stellen wir uns gegen Rassismus und gegen Gewalt gegen Menschen. Gehen wir, wenn nötig, dafür friedlich auf die Straße. Ein guter Weg für Kolpingmenschen.

 

04.06.2020          Die Welt steht auf dem Kopf

Bei der täglichen Zeitungslektüre fällt mir auf wie sehr dieses verrückte Virus die Welt auf den Kopf gestellt hat. Jeden Tag Berichte von den negativen Auswirkungen der Krise, viele Unternehmer/innen geraten finanziell ins Schleudern und fühlen sich am Abgrund stehend und zu wenig unterstützt. Dann gibt es da die tägliche Kolumne, in der Bürger/innen nach ihren Erfahrungen gefragt werden. Ich lese sie täglich mit viel Interesse an diesen persönlichen Erfahrungen, in denen alles zu finden ist: Angst, Trauer, Zufriedenheit, Einsichten. Eine kleine Einsicht habe ich in der Rubrik „Blick in die Welt“ entdeckt. Von dem Sänger Michael Schulte wird berichtet, dass er den Gartenfaible seiner Eltern nie verstehen konnte. Jetzt wisse er, dass man dort den Kopf frei bekommt, an der frischen Luft ist und es wachsen sieht. – Wesentliches im Kleinen entdecken und Wesentliches wiederentdecken, welch eine gute Nebenwirkung von Corona.

 

03.06.2020          „Die Imperia“

Gestern war ich in Konstanz und habe einem Freund die Stadt gezeigt. Schon im Auto erzählte ich begeistert von der Imperia, dem Wahrzeichen der Stadt. Peter Lenk hat sie 1993 geschaffen, die Frau mit der Narrenkappe, die an Balzacs hochgebildete Kurtisane erinnert, und die in ihren Händen die weltliche und die kirchliche Macht als zwei nackte Figuren trägt. Der Künstler versteht die beiden Figuren in den Händen der Imperia nicht als Anspielung auf das Konzil von Konstanz und das Käftespiel der Mächte, sondern bezeichnet sie als Gaukler. Das Kunstwerk war bei seiner Aufstellung umstritten. Besonders die Kirche fühlte sich angegriffen und forderte den Abbau. Sie steht noch immer – die Imperia und dreht sich innerhalb von vier Minuten um die eigene Achse. Sie blickt auf den See, sie blickt auf die Menschen, die in der Stadt Konstanz leben, arbeiten oder als Touristen unter anderem sie – die Imperia – bewundern. Die Imperia betrachtet die Welt mit ihren Augen mit der Narrenkappe. Der Narr macht auf Wahrheiten aufmerksam, denen man sich ungern stellt.

Mir zeigt die Imperia in dieser Coronazeit, in der Phase der Lockerungen, noch einmal mehr, wie die Kräfte dieser Welt aneinander zerren und sich aufreiben können. Die Imperia macht mich noch einmal mehr darauf aufmerksam, wie sehr es gilt, immer wieder die Güter abzuwägen, die Vor- und Nachteile einer Entscheidung und einer Handlung zu betrachten und die Balance zu finden, die gut ist.

 

02.06.2020          Verhülltes sieht man besser

Christo und Jean Claude, das Verhüllungskünstlerpaar machte sich ein gut katholisches Prinzip zu eigen. In katholischen Kirchen wird in der Passionszeit das Kreuz verhüllt. Diese Dramaturgie geschieht, um sensibel zu werden für das Verhüllte, um einen neuen Blick zu bekommen für das, was nun augenscheinlich nicht mehr sichtbar ist. Christo ist vor einigen Tagen gestorben und seiner Frau in die Ewigkeit gefolgt. Mitte der 1990er Jahre hatten sie den Reichstag verhüllt. Von Begeisterung bis ablehnendes Kopfschütteln gab es alle Reaktionen. Mit der Technik des Verhüllens will das Künstlerpaar auf Dinge aufmerksam machen, die sonst übersehen werden oder in Vergessenheit geraten. Sie wollen eine neue Aufmerksamkeit erzeugen, durch Verbergen auf das Wesentliche hinweisen, Gewohntes neu ins Bewusstsein bringen. Wenige Verse, bevor Paulus den Korinthern über die Geistesgaben ins Gewissen redet, stehen die Worte "Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden. Wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk". Für den klaren Blick und die klare Erkenntnis muss sich vielleicht manchmal zuerst etwas vernebeln oder verhüllen, so dass ich dann genauer wahrnehmen kann, worum es geht, was mein Auftrag in der Gesellschaft ist. Dass uns das immer neu gelingen möge, wünsche ich uns allen.

 

01.06.2020          Pfingstmontag: Atme in uns, Heiliger Geist

Keine andere Bitte kann heute größer sein als dass Gottes Geist in uns atmen und wirken möge. „Wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten“ verspricht uns heute das Evangelium. In dieser Geistkraft steckt auch die Weisheit, die Einsicht und die Erkenntnis. All diese Kräfte brauchen wir, um die Ereignisse dieser Welt angemessen beurteilen und zukunftsfähig reagieren zu können. Was ist Wahrheit? Ich erlebe es immer wieder so, dass wir Menschen uns oft unsere eigene Wahrheit basteln entgegen besseren Wissens, dass Politiker sich die Dinge zurechtrücken wie sie sie brauchen, um Wahlen zu gewinnen, …

Der Geist der Wahrheit erledigt für uns nicht die Aufgabe der ausreichenden seriösen Information und Meinungsbildung, er enthebt uns nicht des eigenen Denkens, doch er leitet uns an zu unterscheiden, unsere eigene Disposition, wie wir zu Meinungen kommen, immer wieder zu überprüfen, um dann zu erkennen, was recht ist.

Vor dieser Aufgabe stehen seit Monaten Regierungen, Ärzte, Virologen, auch die Kirchen. Und neu dazu kommt nun die Aufgabe, zu formulieren, was wir in dieser Pandemie für die Zukunft lernen und für unseren jeweiligen Auftrag.

Deshalb: Atme in uns, Heiliger Geist

 

31.05.2020          Pfingsten: We shall overcome – Wir überwinden

Hat das Lied „We shall overcome“ etwas mit Pfingsten zu tun?
Der Song ist ein Protestlied aus der US-Bürgerrechtsbewegung und begann im Jahr 1945 seinen Siegeszug. Für die Anti-Apartsheidsbewegung in Südafrika, die Unabhängigkeitsbewegung in Bangladesh, die Jugendbewegung der 1970er und die Friedensbewegung der 1980er wurde der Song zur viel gesungenen Hymne. Heute wird er vor allem mit den Namen Pete Seeger und Joan Baez verbunden.

„We shall overcome“ ist ein durch und durch pfingstliches Lied. Es spricht von der Hoffnung auf der Veränderung aller Zustände von Ungerechtigkeit, Unfrieden und Angst. Mehr noch, es erzählt vom tiefen Glauben, dass die Nationen der Welt eines Tages Hand in Hand gehen werden. Das ist die tiefe Überzeugung, dass in dieser globalisierten Welt mit all ihren Krisen und Erschütterungen Gerechtigkeit für alle möglich sein wird, wenn alle die Einsicht haben, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde und das Recht auf Gesundheit, genügend Einkommen und Glück hat. Wir werden in Frieden leben und keine Angst mehr haben – diese Vision trägt der Song in die Welt.

„We shall overcome“ könnten schon die Jünger und Jüngerinnen gesungen haben, als das Sprachenwunder, das wir heute Pfingsten nennen, geschah (Apostelgeschichte 2,1-11). Denn da passierte es, dass sie all ihre Unsicherheit und alle Irritationen nach Jesu Tod und Auferstehung überwinden konnten. Sie hörten einander in vielen Sprachen reden. Sie verstanden einander auf neue Weise. Sie erkannten, worauf es ankommt. Sie machten die Erfahrung, dass der Geist Jesu sie beflügeln würde, dass er ihnen die Kraft und den Mut schenken würde, neue Wege zu gehen – trotz aller Gefährdungen und Risiken. Und sie gingen hinein in die Welt.

Wie Gottes Geist die Jünger und Jüngerinnen in der jungen christlichen Gemeinde in Bewegung brachte und sie aus ihren Häusern hinausgingen und sich senden ließen in alle Welt, so möge uns heute Gottes Geist in Bewegung setzen und aus den Häusern herausreißen, so dass wir singen „We shall overcome“ – Wir werden all die Ungereimtheiten auf dieser Welt überwinden, wir werden wieder aufleben und aufblühen in und nach dieser Coronakrise, wir werden gereift und mit neuer Kraft sehen, wo wir anpacken sollen, wir werden unseren Auftrag in dieser Welt kraftvoll angehen. Wir werden unseren Auftrag als Kolpingmenschen erfüllen.

In diesem Geist: gesegnete und frohe Pfingsttage.

https://www.youtube.com/watch?v=eAK1rnmYi30 – gesungen vom Tübinger Chor Semiseria in Zeiten von Corona – unbedingt aufrufen

Joan Baez: https://www.youtube.com/watch?v=1osKWCDXl40
Pete Seeger: https://www.youtube.com/watch?v=yId_ABmtw-w

 

30.05.2020          Da ist Luft nach oben drin

Wir kennen diese Redewendung und benutzen sie, wenn wir das Gefühl haben, dass in einer bestimmten Situation die Lösung noch nicht ausgereift ist, dass noch Entscheidendes fehlt, dass noch wesentliche Verbesserungen möglich sind.

Die Jünger und Jüngerinnen Jesu spürten nach seinem Tod und seiner Auferstehung, dass noch Luft nach oben drin ist. Sie waren in eine Lebensphase gekommen, in der sie nicht so recht wussten wie sie ihren Weg weitergehen sollten. Immer wieder waren sie irritiert und verwirrt. Da war wohl noch Luft nach oben drin bei der Suche nach dem, was durch sie und mit ihnen von der Botschaft Jesu würde weiterwachsen können. Da war Luft nach oben drin, ihre Sendung zu klären.

Mir fällt dabei das Spiel mit prall gefüllten Luftballons ein. Luftballons sind für mich ein Zeichen für die Botschaft des Pfingstfestes. An Pfingsten feiern wir jedes Jahr neu, dass noch Luft nach oben drin ist. Wir feiern, dass wir täglich neu Jesu Geist in unserer Mitte brauchen – vielleicht in diesem Jahr umso mehr, da es viel Geist braucht, um die Covid19-Pandemie zu bewältigen.

„Da ist die Luft draußen“ ist auch so eine Redeweise, die uns zeigt, dass es darum geht, stets genau hinzuschauen. Wie Luftballons sich aufblasen lassen und dann mit großer Leichtigkeit zum Himmel fliegen, so dürfen wir uns an Pfingsten wieder darauf einlassen, dass Jesu Geist uns erfüllen wird, dass sein Geist uns spüren lässt wie wir die Luft wieder in den Ballon einströmen lassen und erkennen, welche Luft nach oben in den Herausforderungen des Lebens da ist.

 

29.05.2020          Wir haben auf vieles verzichtet. Freuen wir uns auf, das was vor uns liegt.

Dieser Werbeslogan ist gerade auf SWR1 zu hören. Nein, es geht nicht um Fastenzeit und dann ist Ostern; es geht auch nicht um das Warten auf Weihnachten. Und auch nicht um ein Diätprogramm und das danach. Es geht ums neue Auto. Und unbewusst um die Suggestion als sei die Covid-19-Gefahr gebannt. Der Slogan gaukelt heile Welt vor – je nachdem wie man ihn betont. Er sagt auch Wahres – es stimmt ja, dass wir auf Vieles verzichtet haben und uns nun freuen können über die bereits vielen Lockerungen. Das zu genießen bedeutet Freude. Dennoch bleibt ein wenig Beigeschmack, denn jede/r von uns weiß, wie viel Vorsicht noch geboten ist, um das Erreichte nicht zu zerstören.

Der Slogan erinnert mich an viele Erfahrungen, die die Bibel uns überliefert. Wie oft waren da Menschen und ganze Völker in der Krise, sie mussten sich einschränken, auf vieles verzichten, waren manchmal am Ende ihrer Kraft und ihrer Hoffnung. Was sie gehalten hat war das Versprechen ihres Gottes, dessen Name JHWH ist – das bedeutet: „Ich bin der ich für euch da bin“. Daran haben die Menschen der Bibel vertraut. Ihr Vertrauen wurde nicht enttäuscht.

„Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ ruft uns Jesus einmal zu. Welch ein Schatz ist doch dieses Wort, das uns Zuversicht, inneren Frieden und Mut für den Blick nach vorn schenken möchte.

Ich vertraue darauf.

 

28.05.2020          Die neuen Ängste

Coronalockerungen machen den einen Angst, die anderen sind einfach nur glücklich darüber. Viele fürchten um ihre Existenz, um Verlust des Arbeitsplatzes, Insolvenzen wird es viele geben. Gelassen kommt dabei heute der Artikel über einem Hemdenhersteller im Ländle rüber, der sich sicher ist, die Krise zu überstehen. Gelassen die einen, aufgeregt die anderen. Und beide habe Recht. Die Sorgen sind aktuell groß. Viele suchen finanzielle Unterstützung, viele fühlen sich ungerecht behandelt, manche fühlen sich als die Verlierer der Krise, manche fühlen sich als Gewinner und sagen, sie gehen gestärkt aus der Krise. – Was ist eigentlich mit den Kirchen in dieser Ausnahme-Zeit? Auch da gibt es Ängste unter Mitarbeiter/innen, unter Gemeindemitgliedern, keiner kann sagen, wie Gemeindeleben mit Corona und danach geht. Manche erwecken das Gefühl „zurück zur gewohnten Tagesordnung“, andere sagen „vieles muss anders werden“. Ich bin gespannt.

Welche Botschaft hält Jesus für uns bereit? Wahrscheinlich sein beharrliches „Fürchtet Euch nicht“ und „Ich sende euch den Beistand, den heiligen Geist“. Hören wir genau hin.

 

26.05.2020          Das Gewöhnliche ungewöhnlich tun

Mein Gott, ich wüsste gern den Weg, auf dem man zum Himmel kommt.“ Das ist von Philipp Neri so überliefert. Heute feiern wir seinen Gedenktag. Für ihn war dann der Alltag der Weg zum Himmel, die ständige Suche nach Gott in allen Dingen und das Gewöhnliche ungewöhnlich zu tun. Viel leichter ist es, außergewöhnliche und besondere Dinge zu tun, die dann Aufsehen erregen, indem andere darüber sprechen. Das Gewöhnliche außergewöhnlich zu tun, dazu ist kreatives Potential gefragt. Das hatte Philipp Neri. Das Gewöhnliche ungewöhnlich zu tun, haben wir in den letzten Monaten wieder gelernt und gezeigt in all dem, was da an Initiativen neu entstanden ist. Singen auf Balkonen, Onlinesingen, den Enkeln online vorlesen, … das hätten wir nie getan ohne die Pandemie. Aufsehen haben wir damit erregt, wertschätzendes Aufsehen. Mögen diese Dinge in wieder neuen Formen erhalten bleiben, wenn es wieder das gibt, was wir einmal Normalität nannten. Der Himmel steht uns dazu offen.

 

25.5.2020            Auf Pfingsten zugehen

Freiheit schafft Verantwortung. Das spüren wir zur Zeit überdeutlich. Die Freiheit, die wir in unseren Land genießen, die Grundrechte, die uns zustehen, stellen jede und jeden von uns in eine große Verantwortung. Jetzt, da die Pandemie eingedämmt ist – hoffentlich – und immer mehr Lockerungen vom Kock down täglich kommen, umso mehr ist unsere Verantwortung gefragt, wenn wir all das, was wir als unsere Freiheiten schätzen wieder pflegen: Eis essen gehen, Einkehren, ins Fitnesscenter gehen, Kinderbetreuung wahrnehmen, wieder in die Schule gehen, … sich in gemütlicher Runde treffen. Auch hier ist Durchhaltevermögen und Stärke gefragt. Auch hier ist die Unterscheidung der Geister gefragt, die täglich Entscheidung, was jetzt angebracht ist und in welchen Situationen weiterhin Zurückhaltung geboten ist. Auf dem Weg nach Pfingsten lohnt es sich, diesen Geist der Unterscheidung zu pflegen. Profaner und moralischer ha es einmal der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918-2015) gesagt: „In der Krise beweist sich der Charakter“.

 

23./24.5.2020    „Du hast sie mir gegeben“

Diese wenigen Worte Jesu machen den Charme des Evangeliums vom 7. Sonntag der Osterzeit aus. Sie finden sich im Abschiedsgebet Jesu an seinen Gott, den er Vater nennt. Er spricht diese wenigen Worte in seiner größten Krise, in der er ahnt, was auf ihn zukommen würde, in den Stunden, in denen sich für Jesus alles ändern würde.

Wie sehr wünschen wir uns das in dieser Coronazeit – uns anvertrauen zu können, um sich ein Stück anzulehnen, um sich gehalten zu wissen. Der Sprecher des Wortes zum Sonntag, das die Diözese regelmäßig veröffentlicht, erzählt genau davon:

https://www.youtube.com/watch?v=3BKEa-p-rZg&feature=youtu.be

 

22.05.2020          Auf Pfingsten zugehen

Den Text von Mechthild Bettinger habe ich wieder entdeckt. Leider kenne ich die Quelle nicht.

Komm Heiliger Geist

Brausen, das uns aufweckt,
in Bewegung bringt,
uns aufbrechen lässt.

Feuersturm,
der unsere Liebe zu Dir neu entzündet.
Licht, das uns den Weg zeigt zu dem, was wirklich wichtig ist.

Erfülle die Kirche mit neuem Elan.
Lass sie sich neu orientieren
am Leben der ersten Christen.

Nur DU kannst unsere
verkrusteten Strukturen aufbrechen.

Nur DU kannst jeder und jedem von uns
den Glauben stärken,
dass DU die Kirche nicht verlässt,
dass DU in ihr und mit ihr bist
trotz allem,
was tot, leer, verhärtet ist
trotz aller Schuld, aller Menschlichkeit.

Oder gerade deswegen?

Den neuen Schwung für unsere Kirche wünsche ich mir sehr! Wer will Verkrustung aufbrechen – und wer entscheidet, was verkrustet ist? Ich bin etwas ohne Illusionen.

 

21.05.2020          Christi Himmelfahrt

 

In einer Predigt von Andreas Knapp war folgendes zu lesen, das ich gerne heute mit auf den Weg geben möchte.

Bisher war der Himmel in Jesus Christus gegenwärtig, und die Jünger haben auf ihn, auf die Gegenwart des Reiches Gottes in ihm, geschaut. Andreas Knapp \ 64 Aber jetzt fragen die beiden Engel: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?" (Apg 1,11) Die beiden Engel sagen den Jüngern gewissermaßen: Ihr habt in Jesus erfahren, was es heißt: Der Himmel ist auf Erden. Nun seid ihr dran. Auch in euch kann dieser Himmel auf Erden ankommen. Auch in euch kann der Himmel schon wachsen. In eurem Leben kann bereits ein Stück Himmel anbrechen, wenn ihr nämlich den Willen Gottes erfüllt. Wenn ihr lebt, wie Jesus Christus gelebt hat. Aus seinem Geist, dem Heiligen Geist, leben, das heißt: den Willen Gottes tun, wie er es vorgelebt hat. Dann wird Gottes Reich unter euch lebendig, bricht der Himmel ein auf diese Erde. Jeder gute Mensch ist ein Himmel Gottes" (Tauler). Im Willen Gottes stimmen die beiden Gleichungen: Wie im Himmel, so auf Erden - wie auf Erden, so im Himmel." Die Grenzen zwischen Himmel und Erde werden fließend. So wie in Jesus ein Stück Himmel auf Erden war und mit ihm ein Stück Erde in den Himmel gegangen ist, so kann auch durch die Jünger und durch alle Christen ein Stück Himmel gegenwärtig werden und kann durch sie ein Stück Erde zum Himmel kommen. Das Endziel dieser Bewegung ist nach Paulus: dass Christus alles dem Willen des Vaters unterwerfe und dass Gott dann alles in allem ist (vgl. 1 Kor 15,28). Wenn Gott alles in allem ist, dann gibt es keine Trennung mehr zwischen Himmel und Erde, sondern Gott ist ganz in der Welt, und die Welt ist ganz in Gott. In Christus können wir dieses Ziel schon leuchten sehen. Es käme darauf an, auf ihn zu schauen, nicht von Trauer gelähmt wie die Jünger, sondern von seinem Geist erfüllt.

 

Quelle: file:///C:/Users/Claudia/Downloads/65_1992_3_161_164_Knapp_0%20(2).pdf

 

20.05.2020          Ich-Zeit

„Verbringe einen Tag mit dir allein“. In den vergangenen Wochen brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, nicht genug Ruhezeit und Ich-Zeit zu haben. Während ich genug Ich-Zeit und Entschleunigung hatte, denke ich an die vielen, die keine Ich-Zeit hatten, weil sie für uns und für andere sorgten. Ihnen gönne ich von Herzen, dass sie sich bald Ich-Tage gönnen können, dass sie die Füße hochlegen können, ausruhen, loslassen, neue Kraft schöpfen. Und dass Gott sie segne.

 

19.05.2020          Schwelge in Erinnerungen

Heute Morgen habe ich wieder einmal in mein „Ein Stückchen Glück für jeden Tag“-Buch geschaut. Der Slogan „Schwelge in Erinnerungen“ hat mich heute angesprochen, denn ich habe damit in den vergangenen Wochen viele gute Erfahrungen gemacht. In Zeiten der Entbehrung und des anderen Lebensrhythmus‘, in Zeiten, in denen ganz schnell eine neue Orientierung her muss, da helfen die guten Erinnerungen und Erfahrungen, es helfen auch die Erinnerungen an vergangene Krisenzeiten. Die Kraft der Erinnerung war es in den vergangenen Wochen oft, die mir Mut gemacht hat. Die Erinnerung an Begegnungen, gute Worte, Ereignisse, Städtetouren – ich kann stundenlang Kunstmuseen besuchen - , Wanderungen, Radtouren, schöne Pflanzen, Parks.

Alles hat seine Zeit, sagt das biblische Buch Kohelet in Kapitel 3.

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:

eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen/ und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.

Ich hatte erkannt: Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich und so verschafft er sich Glück, während er noch lebt, wobei zugleich immer, wenn ein Mensch isst und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennenlernt, das ein Geschenk Gottes ist. Jetzt erkannte ich: Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden und Gott hat bewirkt, dass die Menschen ihn ehren.

 

18.05.2020          Was haben wir aus der Krise gelernt

Auch diese Propheten sind gerade unterwegs, die uns sagen wollen, was wir aus der Krise gelernt haben. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen: Was haben wir in der Krise gelernt: Solidarität, Abstand halten, Hygienevorschriften, was systemerhaltende Berufe und Einrichtungen sind, Wertschätzung für die, die pflegen, an den Kassen sitzen usw., die Einsicht, dass Freiheit nicht heißt, alles zu jeder Zeit nach eigenem Beleben tun können …. Was wir aus der Krise gelernt haben, würde ich heute nicht behaupten wollen, es zu wissen. Das wird sich zeigen. Was sich bereits zeigt: mit Einschränkungen leben zu sollen, führt auch bald zum Protest. Wir erleben es. Da möge uns ein guter Geist helfen, das rechte Maß und den rechten Zeitpunkt zu wählen.

 

17.05.2020          Heute beginnt das JUNIA-Jahr

„Starre nicht auf das, was früher war, steh nicht stille im Vergangenen, ich, sagt Er, mache neuen Anfang, es hat schon begonnen, merkst du es nicht?“ Was wir beim Propheten Jesaja lesen, möchte die Juniinitiative realisieren.

Die Apostolin Junia wurde jahrhundertelang in der Bibel als Mann (Junias) ausgegeben, um ihre wichtige Rolle beim Kirche werden zu verschleiern. Erst die aktuelle Einheitsübersetzung der Bibel gab ihr ihre Würde zurück. Junia steht für alle Frauen, die sich für die gleiche Würde von Männern und Frauen in der Kirche einsetzen; sie steht für alle Frauen, die ihre Berufung zur sakramentalen Sendung in der Kirche spüren und diese endlich leben wollen.

Die Apostolin Junia ist der Ausgangspunkt für die Frage, was wir von ihr und dem ebenfalls gesandten Andronikus, der mit ihr unterwegs war, persönlich und als Kirche heute wieder neu lernen und bedenken könnten, welche Aufbrüche dazu beitragen, dass der in Gemeinschaft praktizierte Glaube lebendig bleibt.

Die bisherige Lösung sieht so aus: Nur Männer werden geweiht. Gibt es zu wenige Männer, die sich zum zölibatären Priestertum berufen fühlen, dann bleiben Stellen lieber vakant als endlich allen Frauen, die die Berufung zum Priesterinnensein bzw. zur sakramentalen Sendung verspüren, auch zu ordinieren. Es ist längst Zeit für eine Wandlung in der Weltkirche, wenn wir  glaubwürdig Kirche sein und wieder werden wollen.

Die Apostolin Junia passt zum 6. Sonntag der Osterzeit, an dem wir die Rede Jesu hören, in der er den Heiligen Geist als Beistand, als den Erkenntnisgeber zu senden verspricht.

Machen wir uns als Frauen und als Männer auf zu einem neuen Selbstbewusstsein von Kirche, dass in der sakramentalen Sendung von Männern UND Frauen eine Zukunft sieht.

https://juniainitiative.com/

 

16.05.2020          Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen von der Hoffnung, die euch erfüllt

In dem „stets“ steckt schon eine große Erwartungshaltung mindestens des Schreibers des ersten Petrusbriefes. Oder bist du schon einmal gefragt worden nach deiner Hoffnung, die dich erfüllt? Als ich die Mitglieder einer Whatsappgruppe anschrieb und nach ihren Geschichten fragte, bekam ich keine Resonanz. Es gab auch keine Resonanz als ich einige Tage später bedauerte, dass mir niemand geschrieben hatte.

Sind wir es nicht gewohnt, unsere Hoffnungsgeschichten einander zu erzählen? Denn wir haben solche Geschichten in unseren Erinnerungen und genau diese Geschichten sind es jetzt auch, die uns stark machen, die Coronazeit zu bestehen.

Das wünsche ich uns allen zu diesem Wochenende, dass wir unsere Hoffnungsgeschichten herauskramen und uns an sie bewusst erinnern und einander vielleicht auch erzählen – gerne an hofrichter.kolping.ergenzingen@gmail.com

https://kf-ergenzingen.drs.de/aktuell/ansicht/news/detail/News/hausgottesdienst-zum-6-sonntag-der-osterzeit-20150.html

15.05.2020          Liegen da die Nerven blank?

Verschwörungstheorien, Fake News, Anti-Corona-Maßnahmen-Demos, Aufregersätze von Politikern erregen viele Gemüter. Kampf um den Sommerurlaub.
Ich kann verstehen, dass sich viele Sorgen um ihre Zukunft und um ihre Existenz machen. Ich kann das alles verstehen. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen sich Meinungsmachern, die Krise sei selbst gemacht und die Pandemie eigentlich keine gewesen …, anschließen. Und dass manche Kirchenvertreter unter ihnen sind, darüber rege ich mich auf. Nein, das kann ich nicht verstehen. Wir kennen viele Zahlen, wir kennen nicht die Dunkelziffer der Erkrankten und Verstorbenen.

Zehn Wochen ohne Normalität und die Aussicht auf Beschränkungen für den Sommerurlaub – was ist das im Blick auf all die Möglichkeiten meiner Gesamtlebenszeit? Da relativiert sich dann vielleicht manche Aufregung wieder und ermöglicht mit auch einen erholsamen Urlaub im Land.

 

14.05.2020          Weltgebetstag der Weltreligionen gegen Corona

Das von den Vereinigten Arabischen Emiraten initiierte "Hohe Komitee der menschlichen Brüderlichkeit" (Higher Committee of Human Fraternity) hat den 14. Mai als weltweiten Gebetstag gegen die Corona-Pandemie vorgeschlagen. Man dürfe in der aktuellen Krise "nicht vergessen, sich an Gott den Schöpfer zu wenden". Jeder Mensch - egal, in welchem Land oder welcher Religion - möge sich an dem Gebet beteiligen.

Beten wir mit – mit zwei Klicks seid Ihr beim Gebetstext

https://kf-ergenzingen.drs.de/aktuell/ansicht/news/detail/News/weltweites-gebet-der-religionen-in-der-coronakrise-20094.html

oder gleich hier zum Gebet: https://kf-ergenzingen.drs.de/fileadmin/user_files/150/Bilder/Kolpingsfamilie_Ergenzingen/KF_2020/Gottesdienste/Weltweites_Gebet_aller_Religionen_in_der_Corona-Krise_am_14._Mai_2020.pdf

 

13.05.2020          Wir dürfen wieder … - wir schließen …

Wie oft ist das in den letzten Tagen in großen Lettern in Zeitungsanzeigen zu lesen! Wir dürfen wieder öffnen. Wir sind für unsere Kundschaft wieder da. Gleichzeitig gibt es in vielen Branchen die Klage, dass die Ströme an Kaufwilligen noch nicht so richtig fließen wollen. Es gäbe noch Zurückhaltung im Handel. Überhaupt ist die Tagespresse in den vergangenen Tagen ein einziges Klagelied über die unerfüllten Bedürfnisse von Sportvereinen und dem Fußball, Familiennot, Homeschooling, wirtschaftlichen Folgen von Corona für Firmen, Künstler, Tourismus, und und und.

Ich verstehe das ja alles, doch es ist kaum noch von den Maßnahmen die Rede, die unser Leben retten. Was sind die Einschränkungen der letzten 10 Wochen gegen ein ganzes Leben und die vielen Lebensjahre. Und es gibt auch die Profiteure der Krise. Manchen Unternehmen hat die Krise Aufschwung gebracht. Das geht fast unter in all den anderen Nachrichten.

Die Nachricht meiner Nachbarn heute: Wir schließen die Restauration. Die Coronaauflagen sind zu hoch. Da geht eine Ära zu Ende. Die kleine Kneipe an der Ecke, an der man zum Bahnhof abbiegt, hatte eine lange Tradition. Viele Alltagsgeschichten wurden dort einander erzählt, viel Lebensbegleitung geschenkt, viele Feste gefeiert, viel gelacht und viel getrauert. Ja, EINKEHR hatte man dort – zusammen kommen mit anderen, zu sich kommen, genießen, Leben teilen. Die Stammgäste betrauern die Schließung. Die Inhaber danken für viele gute gemeinsame Stunden und Begegnungen. Die guten Erinnerungen und Geschichten, die dort erzählt wurden, bleiben im Gedächtnis. Und wir wissen ja, dass wir Menschen aus guten Erinnerungen unsere Kraft schöpfen und wieder nach vorne blicken können.

 

12.05.2020          Heute ist der Internationale Tag der Pflegenden

„Pflegefachkräfte sind tragende Säulen und wertvolle Ressource eines jeden Gesundheitssystems. Dies führt die Corona-Krise noch einmal überdeutlich vor Augen.“ So steht es heute in meiner Tageszeitung. Und genau das haben wir die letzten langen Wochen erlebt und glauben es hoffentlich nun auch. Die Pflegenden bekamen viel Applaus und Wertschätzung – so viel wie nie zuvor. Florence Nightingale – die wohl berühmteste Pflegerin, die in diesem Jahr 200. Geburtstag hätte – hat zu ihrer Zeit die Pflege revolutioniert und professionalisiert. Wie nie zuvor stehen in diesem Jahr die Pflegenden im Blickpunkt. – Möge es gelingen, unser Gesundheitssystem wieder in eine ausgewogene Balance zwischen Arbeitszeit – Bezahlung – Risiken zu bringen. Vielleicht stärkt das dann auch die Attraktivität des Berufes wieder. Dass viel möglich ist an Bewegung, an politischen Maßnahmen, die sinnvoll sind, das zeigt die Corona-Krise. Und dass es schnell gehen kann, zeigt die Krise ebenso.

Nicht zu vergessen sind auch all die pflegenden Angehörigen, die nur selten Entlastung haben und sich seit langem auch nicht genug gewürdigt und unterstützt fühlen von der Bevölkerung und von der Politik.

Zitate von Florence Nightingale:

Krankenpflege ist keine Ferienarbeit.
Sie ist eine Kunst und fordert, wenn sie Kunst werden soll,
eine ebenso große Hingabe, eine ebenso große Vorbereitung,
wie das Werk eines Malers oder Bildhauers.
Denn was bedeutet die Arbeit an toter Leinwand oder kaltem Marmor
im Vergleich zu der am lebendigen Körper,
dem Tempel für den Geist Gottes?

Gäbe es niemanden,
der unzufrieden wäre mit dem, was er hat,
würde die Welt niemals besser werden.

Herz, du verlierst sehr viel, wenn du nichts aushältst!

 

11.05.2020          Badische Grabschäufele

heisst ein Buch (hrsg. Anne Grießer), das ich zum Geburtstag geschenkt bekam. Es ist eine Mischung aus Kurzkrimis und Rezepten aus der badischen Küche – für mich, die im Grenzgebiet Baden-Franken-Hohenlohe aufgewachsen ist, ein wunderbares entspannt zu lesendes Buch. Ich habe sofort damit angefangen und empfehle es nun gern weiter.

Ansonsten – auch heute ist meine Tageszeitung voll von Coronanachrichten über die Demonstrationen gegen die Coronabeschränkungen, über die finanziellen Hilfspakete, über die ersten Gottesdienste = Eucharistiefeiern im Coronamodus … Dazu ein anderes Mal.

Ich wünsche allen gedeihliche Tage und allen Segen.

 

10.05.2020          „Euer Herz sei lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich …“

So lässt der Evangelist Johannes Jesus im heutigen Sonntagsevangelium sagen. Ein starker Satz, der einem einiges zumutet und abverlangt in dieser Coronazeit, in der langsam auch wieder die verdrängten Themen auftauchen und der Blick sich wieder etwas weitet auf andere Kontinente und auf die großen Zusammenhänge, die jetzt zu sehen sind, wenn man Corona wirklich besiegen will und alle Staaten ihre Verantwortung für die Weltgemeinschaft wahrnehmen müssen, um die wirtschaftlichen Schäden und den Überlebenshunger vieler Menschen in den afrikanischen Ländern richtig zu bewerten und die richtigen Schritte einzuleiten.

Da ist es relativ leicht daher gesagt von diesem Jesus: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren“. Und es geht dann gerade so weiter: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. – „Ich zeige euch den Weg zum Vater“. – „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“. Lösungsorientiert ist dieser Jesus, doch etwas kompliziert drückt er sich aus. In jedem Gedanken steckt eine ganze Erfahrungswelt. Es liegt an uns, diese gehaltvollen Sätze zu meditieren, tief in sie einzutauchen und unsere Erfahrungen damit zu entdecken.

Einen gesegneten Sonntag.

 

09.05.2020          Dünnhäutig

Wir sind dünnhäutig geworden. Wochenlange Kontaktsperre macht sensibel für unser natürliches Bedürfnis nach Nähe. Abstand halten widerspricht eigentlich auch unserem Bedürfnis nach den Zeichen der Sympathie und des wohlwollenden Gefühls für den anderen. … Und dann haben wir angefangen, all die Coronaeindämmungsmaßnahmen als gegenseitige Liebeserweise zu deklarieren, was uns auch gelungen ist. Und jetzt, wenn es um die Lockerungen geht, haben wir viele Argumente, weshalb die Lockerungen nicht zu früh sind, weshalb sie zu wenig sind, weshalb weshalb weshalb.

In allem, was uns bewegt, wie wir denken, fühlen, handeln möchten, in allem, was uns aufregt … steckt ein Korn an Wahrheit. Die Besonnenheit bewahren, das dürfte genau jetzt angesagt sein.

 

08.05.2020          Füttere dein Gehirn!

Unter dieser Schlagzeile ging es dann darum, dass Omega 3-Fettsäuren für Gehirn und Herz gesund sind. Meine eigene Assoziation war eine ganz andere. Füttere dein Gehirn mit Bildung und mit Liebe. Beides zusammen nennt die christliche Tradition „Herzensbildung“: Davon kann man im Leben nie genug haben. Und vielleicht ist sie gerade jetzt in Coronazeiten so wichtig, weil wir viel Achtsamkeit brauchen für andere und für uns selbst, für die Nöte und all die ungestillte Sehnsucht, die uns gerade umtreiben.

Bilde dich immer weiter, so wird auch dein Herz immer weiter gebildet. Auch die Anhäufung von Wissen unterstützt de Herzensbildung. Auch deshalb ist es gut, dass die Schulen nach und nach wieder ihre Türen öffnen können.

Allen Abschlussschüler/innen Mut für die Prüfungen. Ich halte die Daumen feste.

 

07.05.2020          Führe ein Dankbarkeitstagebuch

„Ein Stückchen Glück für jeden Tag“, so heißt ein Buch, das ich diese Woche geschenkt bekam. Darin gibt es die Empfehlung, jeden Abend fünf Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin. Ich kenne diese Übung seit langem aus der Spiritualität von Mary Ward. Ich mache diese Übung auch immer wieder eine Zeit lang im Jahr. Sie tut mir gut. Sie lässt mich spüren, wie gut das Leben zu mir ist trotz aller Unbequemlichkeiten. Vielleicht lohnt es sich gerade jetzt in Coronazeitten, in denen wir besonders sensibel und nervös sind, diese Dankbarkeit zu üben – mitten im ungewohhnten Familienalltag, mitten in den Sorgen um die eigene Existenz, mitten im riskanten Alltag auf den Coronapflegestationen, mitten in dem, was uns zur Zeit – jede und jeden  einzelnen – am meisten bewegt.

Ich habe wieder damit angefangen – und es tut mir gut, zu sehen, was mich dankbar sein lässt. Und ich trage diesen Dank gerne zu Gott hin.

 

06.05.2020          Geschichten erzählen

„Wir müssen den Menschen mehr Geschichten erzählen – Glaubensgeschichten, Lebensgeschichten, ohne mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen. Nur wenn ich den christlichen Glauben als etwas wahrnehme, was ich existentiell brauchen kann, dann bin ich auch bereit, mich mit der Lehre und mit der Kirche auseinanderzusetzen“ (Günther Klempnauer, evangelischer Theologe).

Das gewisse Etwas von moralischem Zeigefinger, liegt dann doch ein wenig in diesem “Wenn … dann“-Satz. Doch betonen will ich gerne den Ansatz, einander Glaubens- und Lebensgeschichten zu erzählen, zu beschreiben wie wir erfahren haben, dass Gott uns berührt. Das erlebe ich bei uns Kolpingleuten so und ich erlebe es bei den Bibellesetreffen unserer Kirchengemeinde, dass uns da genau gelingt, was wir brauchen:  Einander Rede und Antwort zu stehen von der Hoffnung, die uns erfüllt, wie es der 1. Petrusbrief formuliert. Was treibt mich um in Coronazeiten, was plagt mich, was macht mich hoffend. Dazu sind wir eingeladen, einander anzurufen, zu reden oder zu schreiben. Mir tut das gut. Und dann brauche ich mich nicht mehr über Lehren zu unterhalten und über Kirche.

 

O5.05.2020         Ein Lebenspsalm: Gott umarmt uns mit  der Wirklichkeit

1 Für den Chormeister. Von David. Ein Psalm. HERR, du hast mich erforscht und kennst mich. 2 Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern. 3 Ob ich gehe oder ruhe, du hast es gemessen. Du bist vertraut mit all meinen Wegen. 4 Ja, noch nicht ist das Wort auf meiner Zunge, siehe, HERR, da hast du es schon völlig erkannt. 5 Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast auf mich deine Hand gelegt. 6 Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. 7 Wohin kann ich gehen vor deinem Geist, wohin vor deinem Angesicht fliehen? 8 Wenn ich hinaufstiege zum Himmel - dort bist du; wenn ich mich lagerte in der Unterwelt - siehe, da bist du. 9 Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, 10 auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen. 11 Würde ich sagen: Finsternis soll mich verschlingen und das Licht um mich soll Nacht sein! 12 Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, die Nacht leuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis. 13 Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. 14 Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke. 15 Dir waren meine Glieder nicht verborgen, als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewirkt in den Tiefen der Erde. 16 Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen. In deinem Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage, die schon geformt waren, als noch keiner von ihnen da war. 17 Wie kostbar sind mir deine Gedanken, Gott! Wie gewaltig ist ihre Summe! 18 Wollte ich sie zählen, sie sind zahlreicher als der Sand. Ich erwache und noch immer bin ich bei dir. 19 Wolltest du, Gott, doch den Frevler töten! Ihr blutgierigen Menschen, weicht von mir! 20 Sie nennen dich in böser Absicht, deine Feinde missbrauchen deinen Namen. 21 Sollen mir nicht verhasst sein, HERR, die dich hassen, soll ich die nicht verabscheuen, die sich gegen dich erheben? 22 Ganz und gar sind sie mir verhasst, auch mir wurden sie zu Feinden. 23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken! 24 Sieh doch, ob ich auf dem Weg der Götzen bin, leite mich auf dem Weg der Ewigkeit!

Ich liebe diesen Psalm. Vor 37 Jahren habe ich meine Diplomarbeit über dieses Lob auf Gott und den Menschen geschrieben. Im Psalm ist von den Höhen und Tiefen des Lebens die Rede, von Freude und Leid, von Hoffnung und Trauer, von Fallen und Wiederaufstehen, von Gottes inniger Nähe von Mutterleib an. Der Psalm berührt mich immer wieder neu. Auch in diesen Coronazeiten, denn ich kann in diese Worte all meine Gefühle, Fragen, Bitten, die ich habe hineinlegen, auch meine Enttäuschung, dass ich meine Gäste zu meiner 60iger-Feier wieder ausladen musste. 60 Jahre Dankbarkeit für gelingendes Leben und für die Umarmungen Gottes, für Freunde und Freundschaften, für Erkenntnisse und das Sammeln von Lebensweisheit. 30 Jahre davon in unserem Dorf. In meinen Dank lege ich die Bitte um eine gute Zukunft für unsere Welt und jeden einzelnen und um ein Ende des Coronadramas.

 

04.05.2020   Herr, ich komme zu dir, dass deine Berührung mich segne …

Rabindranath Tagore beginnt so eines seiner Gebete:

… ehe ich meinen Tag beginne.

Lass deine Augen eine Weile
auf mir ruhen, mein Freund.
Lass mich das Bewusstsein
deiner Freundschaft
mit in diesen Tag nehmen.

Fülle meine Seele mit deiner Musik,
dass sie mich durch den Lärm
des Tages begleite.

Lass den Sonnenschein deiner Liebe
die Gipfel meiner Gedanken küssen
und im Tal meines Lebens
die Ernte reifen.

(Internetabruuf 4.5.2020: http://religionv1.orf.at/projekt02/tvradio/ra_morgen/ra_mor020707.htm)
 

Ich liebe solche Poesie. In diesem Gebet ist so viel zwischen den Zeilen möglich. Ich kann meine Gedanken einfügen und mich diesem Gott anvertrauen mit Sorge und Freude, mit Last und Hoffnung in diesen Tagen. – Ihnen und Euch allen wünsche ich einen Tag mit Gottes Berührungen.

 

03.05.2020          Gut-Hirten-Sonntag

Dieser Sonntag wird auch als Tag der Geistlichen Berufungen gefeiert. Ich meine, es ist der Tag der Berufung aller Getauften. Wie sehr wir unsere Berufung leben können, haben wir im Coronachaos gezeigt durch Formen der Nachbarschaftshilfe, durch Formen der Nähe trotz Abstand, durch unsere Gottesdienstgemeinschaften zuhause, … , indem wir unsere Aufgaben gemacht haben, die zu tun waren, indem wir manches durchlitten haben, was unerträglich schien.

Das ist wohl gemeint mit dem Bibelwort, das in den evangelischen Kirchen über dem Monat Mai steht. Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat! (1 Petr 4,10).  An diesem Sonntag feiern wir, dass Gott uns vielfältige Gaben geschenkt hat und ein Gespür dafür, was wann zu tun ist.

Wir danken heute auch, dass Jesus der Gute Hirte in unserem Leben ist. Ich mag dieses Bild. Doch ich mag es nicht, dass die Konsequenz daraus ist, dass ich Schaf bin. Irgendwie ist das ein bisschen schwierig für mich. Ich brauche meine Freiheit und die Weidewiese ist mir zuweilen dann doch zu eng. Doch wenn es um das Vertrauen geht, das zwischen Hirt und Schaf besteht, dann ist es okay. Der Herr ist mein Hirt, ich leide nicht Not. Er führt mich an Wasser des Lebens. (Ps 23)

Hinweis: Heute Abend wollten wir unsere Maiandacht in der Waldkapelle feiern. Ihr findet sie auf der Homepage. Gute Andacht zuhause.

 

02.05.2020   Exitstrategien: Von Risiken und Nebenwirkungen

Meine Tageszeitung ist heute voll von Nachrichten, wer ab Montag und wer ab Mittwoch wieder öffnen darf. Die Schulen beginnen am Montag wieder mit einem ausgetüftelten Konzept, dass sich die anwesenden Schüler möglichst nicht begegnen. Die Notbetreuung ist ausgeweitet. … Die Kirchen und Religionsgemeinschaften starten in einer Woche wieder mit Gottesdiensten. Unternehmen aller Art fordern die Rückkehr zur „Normalität“. Die Forderungen werden größer und auch manche Drohgebärde zeigt sich: Wenn nicht, … dann …  - Die Politiker und Virologen werden nicht müde, aus die Risiken einer zu schnellen Öffnung aufmerksam zu machen. Es könnte ein zweiter Shutdown drohen, falls die Infektionszahlen drastisch in die Höhe schnellen. Und den würden wir nicht verkraften. Auf die vielen Nebenwirkungen machen Wirtschaft und Unternehmen aufmerksam: mehr Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Insolvenzen, Depressionen, … Exitstrategien werden gefordert, in denen möglichst jeder Wunsch erfülllt werden soll.
Jetzt wird es darauf ankommen, wie wir alle mit den Abstandsregeln und Hygienestandards weiterhin klarkommen werden. Und die Politiker müssen gut ausbalancieren und jede Entscheidung gut und logisch begründen, damit sie Vertrauen nicht verspielen.

Woher kommt mir Hilfe? Für die einen aus der Logik des Denkens, den Erkenntnissen der Virologen und der Medizin, für die anderen aus ihrer eigenen Stabilität und Energie. All das brauchen wir. Für mich persönlich ist es ein Luxus, wenn ich in all dem Chaos und in all den Unsicherheiten beten kann: Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und dafür sorgt, dass mein Fuß nicht an einen Stein stößt und ich in der Hitze des Tages und der Kühle der Nacht behütet bin.
Das hilft meiner Seele, dass sie einigermaßen unbeschadet durch die Krise kommt.

 

01.05.2020  Tag der Arbeit / Josef der Arbeiter

Der Heilige Josef ist der Patron der Kolpingsfamilien. Die Kolpingsfamilien setzen sich unter anderem ein für Arbeitsgerechtigkeit, gerechte Entlohnung, freie Berufswahl, ... Zum Tag der Arbeit hat der Sekretär des Internationalen Kolpingwerkes, Dr. Markus Demele, eine Botschaft geschrieben, die wir hier verlinken. Link

Für unsere KF ist der 1. Mai immer ein wichtiger Begegnungs- und Gemeinschaftstag: Wandern, Grillen, Gedenken zum 1. Mai verbinden wir gewöhnlich. Diesmal können wir einzig den Hausgottesdienst für die Gemeinde als Impuls setzen. Link
Wir hoffen, dass wir uns im Herbst zum Gemeinschaftstag versammeln können.

 

30.04.2020   Es ist nicht auszuschließen, dass …

Wie oft habe ich diesen Satzanfang in den vergangenen Wochen gehört. Mal war er mit den derzeitigen Einschränkungen verbunden und hat diese eingeleitet oder betont. Mal vorausschauend: Wenn wir uns alle an die Einschränkungen halten, dann … wenn wir es nicht tun, … Es ist nicht auszuschließen, dass die geplanten Lockerungen bald ausgeweitet werden können. Es ist nicht auszuschließen, dass ein zweiter Lockdown nötig wird. Es ist nicht auszuschließen, dass bald ein Medikament gefunden wird, das bei Covid19 gut anschlägt. Es ist nicht auszuschließen, dass wir bis 2021 einen Impfstoff haben.

Es ist nicht auszuschließen, dass … ist eine verstörende Redeweise. Sie kündigt etwas an und weiß noch nicht genau das OB und WANN und WIE. Mit solchen Verunsicherungen müssen wir derzeit leben. Das sind wir nicht gewohnt. Und an manchen Tagen wirkt das etwas zermürbend.

Verlassen möchte ich mich in all den Verunsicherungen auf die Verheißungen Gottes – Es ist nicht auszuschließen, dass Gott mit uns ist und uns durch dieses Tal begleitet. Besser: Ich erfahre es so, dass Gott mit uns ist und uns begleitet. Wenn nichts sicher ist, so doch dies.

 

29.04.2020 Tag gegen den Lärm

Heute ist der Tag gegen den Lärm, hörte ich heute Morgen zufällig beim Aufwachen im Radio. Aha, das gibt es also auch. Auf der entsprechenden Homepage las ich dann: „Der Tag fällt dieses Jahr aus, er wird jetzt nicht gebraucht“. Corona hat die Welt stiller werden lassen? Nein, meine ich. Manche von uns arbeiten und leben entschleunigter, andere haben dafür Mehrarbeit und wieder andere keine mehr. In den letzten Tagen werden die Rufe nach Schulöffnung, Kitaöffnung, Ladenöffnung, Tourismusöffnung, Gottesdiensten, …. lauter und lauter. Die Theorien, wie dieses Virus überhaut in die Welt kam, mehren sich lautstark. Boris Palmer erntete laute Aufschreie, weil er wieder einmal sagte, was man nicht einmal denken sollte. … Und die Baustelle bei mir an der Ecke macht auch genügend Lärm. Es ist laut auch am Tag des Lärms – ohne Flugzeuglärm, ja. Doch laut in unseren Seelen, die angestrengt auf eine gute Zukunft hoffen und dies auch hinausschreien möchten in die Welt. Jedenfalls geht es mir so an manchen Tagen. – Doch es stimmt, den Tag gegen den Lärm brauche ich nicht.

 

28.04.2020          Vom richtigen Maß in der Corona-Krise

Die Diskussion angefeuert hat vor zwei Tagen Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mit seiner Frage, ob in der Coronakrise alles dem Lebensschutz untergeordnet werden müsse. Die einen wollen den Lockdown noch eine Weile halten, andere haben Sorgen um die Grundrechtbeschränkungen, die nun schon einige Wochen andauern, die nächsten stellen die Finanzierungsfrage vehement. Selbst die Kirchen reagieren übertrieben mit ihrer Forderung, es müsse schnell wieder Gottesdienste geben – doch das zum Preis, das das Ganze keine Feier wird, sondern eine Hygienemaßnahmenveranstaltung. Welcher Kampf wird hier eigentlich gekämpft?
Doch zurück zum richtigen Maß in der Coronakrise (auch wenn es bei Kirchens auch um das richtige Maß geht). Wolfgang Schäuble plädiert dafür, dass über dem Lebensschutz die Würde des Menschen als allerhöchster Wert und allerhöchstes Gut steht. Diese Ableitung aus dem Grundgesetz dürfte auch jedem einleuchten. Die Würde des Menschen ist unantastbar. „Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ (W. Schäuble: https://www.tagesspiegel.de/politik/bundestagspraesident-zur-corona-krise-schaeuble-will-dem-schutz-des-lebens-nicht-alles-unterordnen/25770466.html; Abruf: 20.4.2020 – 19:00). – Die Gefahr, falsche Entscheidungen zu treffen, ist immer gegeben. Und jede/r einzelne kann mit Umsichtigkeit dazu beitragen, dass der Maßstab für Entscheidungen, die getroffen werden müssen, nicht zu eng wird.

 

27.04.2020  Neue Normalität

Die meisten von uns möchten ihr altes Leben zurück haben – die alten Gewohnheiten bei der Arbeit, beim Einkaufen, in der Familie, in der Freizeit, … Was war dabei eigentlich normal? Was ist normal? Ist es das, was wir kennen und gewohnt sind? Oder das, was wir nicht in Frage stellen und das auch nicht in Frage gestellt werden soll? Ist es die Routine? Ist es der Wohlstand unseres Landes? … Aus dieser Normalität wurden wir jäh herausgerissen. Von der neuen Normalität ist die Rede, von einem neuen Umgang miteinander – einige behaupten, wir seien uns eh viel zu nah gewesen bei  Umarmungsbegrüssungen, in Großraumbüros, Kindergärten, Schulen, im Freizeitverhalten, im Supermarkt.

Was ist normal? Ich weiß es nicht? In unserem Leben gibt es doch immer Veränderungen, Unterbrechungen und Brüche. Wenn das Mund-Nase-Maskentragen zukünftig normal sein soll und Standardassecoire, dann kann das aus meiner Sicht nur eine Schutzmaßnahme auf Zeit sein. Und so kommen mir eine ganze Reihe von Abstandsideen, die man für „normal“ erklären möchte, eher hilflos vor. Im Moment brauchen wir Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmern – im besten Fall wieder loszuwerden. Doch eine „neue Normalität“ ist für mich was anderes. Oder besser gesagt, ich halte das für eine unglückliche Wortschöpfung, weil es normal nicht gibt – es gibt Gewohnheiten.

 

26.04.2020          „Jetzt ist der wichtigste Moment in deinem Leben“

Der Mystiker Meister Eckhart (1260-1328) hat einmal diesen Gedanken geprägt. Auf das JETZT kommt es ihm an. Das macht sein Wort so aktuell in diesen Wochen, nein schon Monaten, der Verunsicherung, der Einschränkungen, des Nichtwissens, wann wir wieder unser altes Leben zurück haben werden. Das alte Leben wird es nicht mehr geben, auch wenn ich vielleicht vermeintlich das Gefühl haben werde, es sei so. Ich werde vieles wieder tun, was ich jetzt vermisse, jedoch unter anderen Voraussetzungen – doch davon morgen mehr.

„Jetzt ist der wichtigste Moment in deinem Leben“ – da geht es implizit um das Loslassen. Loslassen einzuüben ist eine der großen christlichen Tugenden. Meister Eckhart empfiehlt sogar, sich selbst, andere und sogar Gott loszulassen, um sich, andere und Gott neu zu finden. Loslassen bedeutet, sich einzulassen auf das, was gerade wichtig ist. Dazu ist es notwendig, den Blick zu konzentrieren, nicht überallhin abzuschweifen und so Gott und den anderen tief verbunden zu bleiben.

Vielen Menschen, zu denen ich gerade online Kontakt habe oder wenn wir uns zufällig beim Spaziergang begegnen, leben das gerade. Die Konzentration auf das jetzt Wichtige, das Aushalten der Einschränkungen, das genießen der vielen kleinen schönen Entdeckungen, die sie sonst nicht so bemerkt haben – ich auch nicht.

„Jetzt ist der wichtigste Moment in deinem Leben“. Solch einen entscheidenden Moment erlebten wohl auch die Fischer im heutigen Evangelium Johannes 21,1-14. Wo ist der Jetzt-Moment in diesem Evangelium? Für die einen vielleicht, dass überhaupt jemand ihre Not sieht, für die anderen „Werft das Netz auf der anderen Seite aus“. Das spüre ich als den entscheidenden Augenblick für mich in diesem Evangelium. Da ist einer, das ist Jesus, der noch einmal eine neue Perspektive einbringt, auf die die Jünger, auf die ich selbst nicht gekommen wäre.

Das wünsche ich uns in dieser Zeit, in der wir so viel loslassen müssen – auf Zeit vieles loslassen müssen – , dass wir die Kraft haben und den Mut, diese Zeit als den jetzt wichtigsten Moment in unserem Leben zu erkennen, auch wenn es noch so schwer fällt.

Vielleicht ist es eine gute Übung, in der neuen Woche die kleinen "Jetzt-Momente" zu entdecken.

Hinweis: am 1.und 3. Mai werden die Hausgebete von der Kolpingsfamilie zusammen mit Pfr. Francis Mathew zur Verfügung gestellt, ebenfalls steht unsere für 3.5. geplante Maiandacht online unter „aktuell“.

 

25.04.2020          „Der Mensch ist des Menschen beste Medizin“

Von wem stammt dieses Sprichwort? „Von Paracelsus natürlich“, sagte ich. „Nein, aus meiner afrikanischen Heimat“, sagte mein Bekannter. Wie beschlossen, dass wir beide Recht haben. In dieser Weisheit liegt so viel Wahrheit, dass sie weltumspannend ist. Sie verbindet alle Menschen guten Willens. Und all diejenigen sind es zurzeit, die einander die beste Medizin sind.

  • Menschen, die einander ein Lächeln schenken – ab nächster Woche das Lächeln mit den Augen, denn beim Einkaufen und im ÖVNP wird es nur noch so erlaubt sein.
  • Menschen, die ihr Ohr öffnen für die, denen die Coronaeinsamkeit aufs Gemüt schlägt.
  • Menschen, die uns versorgen.
  • Menschen, die in Sorge um uns sind.
  • Menschen, die einander anrufen, in den sozialen Netzwerken miteinander sorgend unterwegs sind.
  • ....

Sei für deinen Nachbarn, deine Mitbewohner, deine Freunde, deine Kollegen … die beste Medizin – gerade jetzt.

 

24.04.2020          „Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten“

Rousseau, einer der Philosophen der Aufklärungszeit, hat das gesagt. Gefunden habe ich das Zitat zufällig im Sophipark in Bad Liebenzell – dieser Park ist einen Ausflug wert. Dort werden alle philosophischen Epochen von der Antike bis heute vorgestellt – in kleinen Gärten und mit Zitaten von Philosophen auf buntem Plexiglas. Es macht Spaß durch diesen Park zu gehen, sich inspirieren zu lassen und, wenn man zu Mehreren ist, über das eine oder andere Wort zu diskutieren.

Frei geboren und überall in Ketten liegend. Jeder und jede kennt solche Phasen im Leben, in denen er/sie sich beengt und eingeengt fühlt. Und ist es nicht auch so, dass Freiheit immer nur in Gebundenheit gelebt werden kann? – Im Augenblick scheint für uns alle eine Art Ketten-Zeit zu sein. Dieses verflixte Corona-Virus legt uns an Ketten, es nimmt Gesundheit und wenn die Abwehrkräfte nicht ausreichen das Leben, es schränkt Grundrechte ein, es minimiert unsere Gestaltungsmöglichkeiten, es treibt die Wirtschaft an absolute Grenzen, es lässt einige einsam werden, und und und. – Deshalb beginnen viele jetzt auch an allen Ecken und Enden zu zerren und wollen alle Freiheiten am liebsten sofort und auf einmal zurück erobern. Andere warnen vor den Risiken. Wir sehnen uns nach unserer Freiheit und nach dem Überleben und müssen einen Weg finden, der uns gleichzeitig nicht wieder oder noch mehr an Ketten legt, die wir kein zweites Mal wollen. Also ist absolute Vernunft gefragt oder der Geist der Erkenntnis des besten Weges.

 

23.04.2020 Pu, der Bär

Ich bekomme täglich das geistliche Wegwort der Bahnhofskirche Zürich. Pu‘ s Humor gebe ich heute gern weiter.

Weg-Wort vom 22. April 2020

Pu der Bär

Das Buch "Pu der Bär" erschien erstmals 1926. Dass die Geschichte so alt ist, war mir nicht bewusst. Ich liebe den gutmütigen, einfach gestrickten Bären. Seine Vergesslichkeit, seine gemütliche und honighungrige Art ist einfach sympathisch.
Seine Freunde, Ferkel, Eule, Esel, Kaninchen, Känguru und natürlich der kleine Junge "Christopher Robin" bezaubern und verzaubern LeserInnen jeden Alters.

Heute möchte ich Ihnen ein paar Weisheiten von Pu mit auf den Weg geben:

Pu: "Ich denke, wir sollten schlafen, um nicht so lange auseinander zu sein. Denn wenn wir jeweils in den Träumen des anderen sind, können wir die ganze Zeit zusammen sein."
Pu: "Ein Tag mit dir ist mein Lieblings-Tag. Also ist heute mein neuer Lieblings-Tag."
Pu: "Ein Tag ohne einen Freund ist wie ein Topf, ohne einen einzigen Tropfen Honig darin."
Pu: "Flüsse wissen, es gibt keine Eile. Wir werden eines Tages dort sein."
Der trübsinnige I-A (Esel): "Die Dinge, die mich anders machen, sind die Dinge, die mich ausmachen."
Ferkel: "Wie buchstabiert man 'Liebe', Pu?" – Pu: "Man buchstabiert sie nicht… Man fühlt sie."

Die Weisheiten sind nicht veraltet, egal wie alt das Buch ist. Sprüche von Pu und seinen Freunden können auch heute noch zum Nachdenken anregen und zum Handeln!
 
Mit freundlichen Grüssen

Ihre Bahnhofkirche

www.bahnhofkirche.ch 

 

22.04.2020          Maskenpflicht

Jetzt ist sie da – die Maskenpflicht. Und die Diskussionen zu Pro und Contra sind zahlreich. Beiden Positionen kann ich in ihrer Argumentation jeweils zustimmen. An der Maskenpflicht habe ich selbst meine Zweifel. Doch vielleicht werden manche Blicke wieder freundlicher. Mir fällt auf, dass die Angst vor Corona inzwischen bei einigen auch den Augen-Blick auslöst „Komm mir nicht zu nah!“ – Als ob ich das nicht längst verstanden hätte: Abstand halten. Und wieviel 150 cm oder 200 cm sind – da ist mein Auge inzwischen gut geschult. Vorgestern bin ich dann echt zusammengezuckt, denn ich hatte ungewollt einen Fehler gemacht. Ich habe die zwei Personen, die vor einer Bäckerei standen, nicht als Schlange erkannt und wollte ins Bäckergeschäft. Da ereilte mich ein unfreundlicher Rüffel. Das ist mir den ganzen restlichen Tag nachgegangen. Vor Schreck habe ich dann auf den Einkauf verzichtet. Auch nicht die Lösung, doch ich war so erschrocken. Ganz anders gestern am Fischstand. Dort war die Schlange lang, der Abstand gewahrt und ein fröhliches „Geschnatter“ aller, die sich einfach freuten, dass der Fischstand gekommen war, dass sie einander sehen konnten und plaudern.

Ich hoffe, wir geben weiter einander ANSEHEN mit und ohne Maske, denn jede und jeder von uns verdient den freundlichen Blick oder die wohlwollende hinweisende Geste.

 

21.04.2020          Halbvolle und halbleere Krüge

Wie betrachtest du das Leben in schwierigen Zeiten und Situationen? Sagst du eher: "Der Krug ist halb leer" oder sagst du "Der Krug ist halb voll". Das sind zwei unterschiedliche Perspektiven, mit denen man das Leben betrachten kann. Halb voll lenkt meinen Blick auf die zu erwartende Fülle. Halb leer signalisiert mir eher, dass der Krug noch leerer wird. Ich möchte mich auf "halb voll" einschwingen und sehen, was meinem Leben Fülle gibt, wovon ich profitiere, indem sich andere mir zuwenden, oder wovon ich beschenkt werde, weil ich andere unterstütze, was mein Leben reich macht. Mary Ward, die Gründerin der Englischen Fräulein - heute Mary Ward Schwestern, der weibliche Zweig der Jesuiten - sie hat einmal vorgeschlagen, sich einen Vorratsschrank anzulegen mit all den guten bzw. wichtigen Erfahrungen, die den Krug voll machen. Diese Vorratskammer ist der Proviant für schwere Tage. Jetzt in Coronazeiten greife ich gerne in meinen Vorratsschrank und erinnere mich an alle guten Erfahrungen, dass sie mich jetzt nähren, wo ich so viele Begegnungen vermisse.
Vielleicht mögt auch Ihr in Euren Vorratskammern nachschauen. Oder neue Vorräte sammeln, die es auch jetzt zu finden gibt.

 

20.04.2020          Ich glaubte, nicht recht zu hören - besser zu lesen …

dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Sprecher des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken sich Sorgen um die Religionsfreiheit machen, weil wir noch immer keine Gottesdienste feiern können. Kaum zu glauben!

Geht es denn gerade um ein paar Messen oder um die Bewältigung einer Pandemie, die unser aller Leben bedroht. Nein, die Religionsfreiheit ist nicht in Gefahr, der Staat hat sich die letzten Wochen immer positiv zu den Kirchen geäußert. Uns als Kirchen muss allerdings klar sein, dass wir im Moment nicht so systemrelevant sind als dass wir all unsere Rechte durchsetzen müssten. Sie sind nicht in Gefahr. Und was sollen solche Schutzkonzeptideen wie Mund-Nasen-Schutz im Gottesdienst und Hostienausteilung per Zange an pastoralem und liturgisschem Gehalt beinhalten. Wie soll das mit einer 150cm langen Zange und Mund-Nasen-Schutz denn gehen. Geht es um „Hauptsache Messe“ oder um ein Gemeinschaftsmahl?

Wenn, dann lasst uns  Wortgottesfeiern im Freien halten. Da geht Abstand halten. Und das ergibt auch einen pastoralen Sinn, weil dann alle Getauften das Wort ergreifen könnten und  ihre Berufung zur Verkündigung leben.

Wann traut uns Christen und Christinnen unsere Kirchenleitung endlich zu, dass wir in der Lage sind als Hausgemeinschaften Gottesdienst zu feiern und zu beten oder als Alleinlebende? Und dass dieses beten bei Gott nicht geringer geschätzt ist als die Messe. Mich macht es traurig, dass uns nichts anderes einfällt als möglichst umgehend zum falschen Zeitpunkt die Messe zurück haben zu wollen. Ich vermisse sie auch, ich schätze aber auch neu mein persönliches Beten und all die Initiativen, die entstanden sind, um Gott zu loben und zu preisen – jetzt, da Messe nun mal nicht angezeigt ist.

 

19.04.2020  Zweiter Sonntag der Osterzeit         Berührungen

Warum wird Thomas eigentlich der „Ungläubige“ oder der „Zweifler genannt. Beides ist er doch nicht. Er will nichts anderes als die anderen Jünger es erfahren hatten: den auferweckten Jesus sehen, beürhren und ihn so erkennen. Weshalb sollte er allein durch das Erzählen seiner Freunde sich zur Auferweckungsfreude hinreißen lassen. Das taten die anderen nicht – wieso wird es von ihm erwartet. Und genauso geschieht es dann auch. Er bekommt die Chance Jesus zu berühren. Noch einmal kommt Jesus durch verschlossene Türen – noch einmal offenbart er sich als der von Gott Auferweckte. Wie schön für Thomas, dass er Jesus so nah sein darf. Doch er bekommt auch sein Fett weg: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ Dieses Jesus mutet ihm und uns schon etwas zu.

Wir alle sind doch Menschen, die dann glauben, wenn sie eine Erfahrung mit Jesus gemacht haben. Wir glauben doch alle nicht einfach blind, sondern wollen überzeugt werden durch ein Berührt werden und –sein. Mit den körperlichen Berührungen ist das im Moment nicht ganz machbar, doch die Berührungen unseres Herzens durch Jesus, das ist möglich. Es lohnt sich, Tag für Tag diese Berührungen der Seele aufzuspüren und sich ein dankbares Lächeln auf die Lippen zaubern zu lassen.

 

18.04.2020 Samstag der Osterwoche   „Das Virus ist nicht gerecht“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat diesen Satz geprägt. Ebenso den Satz „Die Krise wird viele ärmer machen“. Beides erleben und befürchten wir alle. Seit einigen Tagen mehren sich die Stimmen wieder, die vor der Corona-Krise lauter waren als in den letzten Wochen: Prekäre Lebens- und Arbeitssituationen werden wieder deutlicher in Blick genommen. Werden diejenigen, die jetzt bejubelt werden – die Pflegenden, die Angestellten in den Supermärkten, … - zukünftig auch besser entlohnt werden? Bildungsgerechtigkeit: werden diejenigen, die beim home-schooling abhängen, weil sie sich die Ausstattung nicht leisten können, mehr im Blick sein und wird es Bildungskonzepte und Geld geben, die den Bildungshunger fördern. Der Online-Handel ist in der Diskussion, die Werte, die Frage, wer kann die Regierung in der jetzigen Krise optimal beraten und wie müssten solche Gremien dann besetzt sein. Und ganz wild gehen die Spekulationen, wenn gefragt wird „Wer ist schuld am Virus“

Das alles entnehme ich meiner Tageszeitung heute. Genug Stoff, sich eine Meinung zu bilden bzw. mit sich selbst zu diskutieren.

 

17.04.2020  Freitag in der Osterwoche        Zähle nicht die Tage, sorge dafür, dass die Tage zählen

Ich weiß nicht, von wem dieses Zitat stammt. Es ist mir heute “zugeflogen“.

Der Gedanke passt ein wenig zu der Stimmung der letzten Wochen. Manche Tage würde man gerne streichen können –
die mit den schlechten Nachrichten,
die, die einem unendlich Geduld mit sich selbst abverlangten,
die, an denen die Sorgen schwermütig umtrieben,
die, die auch langweilig waren,
die …

Jede und jeder hat viele eigene Geschichten zu erzählen zu den Tagen der letzten Wochen.
Jede und jeder kann erzählen, aus welchem guten Grund jeder Tag wichtig war und zählt.

Ich musste heute wegen der Corona-Pandemie mein Geburtstagsfest absagen. Das waren Minuten, die mich sehr traurig stimmten. Und dennoch zählt der heutige Tag und es wird mein Geburtstag zählen, der in besonderer Weise in die Geschichte meines Lebens eingehen wird.

„Unsere Tage zu zählen, lehre uns Herr“, lese ich in den Psalmen. 60 mal 365/366 Tage zählen zu können, sie mit Sinn zu erfüllen oder ihnen manchmal im Nachhinein einen Sinn geben zu können, dafür bin ich unendlich dankbar.

„Unsere Tage zu zählen, lehre uns Herr“ – daran will ich mich gerne weiter halten an jedem Tag meines Lebens.

 

16.04.2020  Donnerstag in der Osterwoche   „Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander“

Gestern war der Tag der neuen Entscheidungen im Umgang mit der Coronakrise. Und es war der Tag, an dem Richard von Weizäcker 100 Jahre geworden wäre.

„Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander“ ist sein berühmt gewordener Satz aus seiner Rede zum 8. Mai 1985. Ich war damals wenige Tage zuvor gerade 25 geworden und mir wurde schlagartig bewusst, welch wunderbare Jugend ich erlebt hatte im Vergleich zu meinen Eltern als Kriegsgeneration. Sie hatten das Gegeneinander erlebt. Ihren beiden Töchtern wünschten sie von Herzen, dass sie immer im Frieden und im Miteinander leben können. Eine funktionierende Demokratie ermöglicht das. Und in Zeiten wie der Coronapandemie ist die funktionierende Demokratie erst recht gefragt, selbst wenn zur Zeit einige Grundrechte von uns Bürgern und Bürgerinnen eingeschränkt werden mussten. Mein Eindruck ist, dass die Entscheidungen mit großer Besonnenheit gefällt werden mit dem Wissen, welche Zumutung sie bedeuten. Und die Pandemieregelungen werden weitgehend beachtet in dem Wissen, dass jede und jeder von uns unzählige Leben damit retten wird und das Eigene dazu.

Miteinander leben zu lernen und füreinander einstehen zu wollen, wird gerade zu einem hohen Gut – ja, zu einer Tugend, die alle Kräfte fordert. Das christliche Wort dafür ist Nächstenliebe. Wie schwer Füreinander einstehen ist, erleben wir – und wir erleben zugleich so viel an Füreinander im Großen und im Kleinen. Im Wahnsinnseinsatz der Ärzte und Pflegenden, im Management der Regierenden und in den vielen Kleinigkeiten, mit denen wir einander Gutes tun: Nachbarschaftshilfen, Kärtchen in den Briefkästen, Singen an Fenstern, unzähligen Telefonaten mit Familie und Freunden, Onlinekonzerten und und und …

Dieses „Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander“ gilt jeden Tag neu – auch nach den gestrigen Entscheidungen – und ist ein Anspruch an die ganze Welt in allen Bereichen des Lebens. Dann haben wir eine gute Zukunft.

 

15.04.2020  Mittwoch in der Osterwoche     „Die Zeit ist aus den Fugen …“ (William Shakespeare, Hamlet)

Unsere aktuelle Situation mag man genauso beschreiben können. „Die aus den Fugen geratene Zeit“ ist eine Beschreibung für das, was wir gerade mit der Coronakrise erleben. Rechts und links von Corona scheint es keine anderen Themen mehr zu geben, obwohl nicht nur diese Krise die Zeit und die Welt aus den Fugen geraten lässt. Allerdings sehen wir fast nur noch das eine Thema. Und bereits heute (am 14.4.) gibt es die heftigsten Diskussionen zu den Vorschlägen, die die Akademie Leopoldina zum weiteren Umgang mit der Coronakrise und den Schritten aus dem Lockdown gemacht hat. Viele melden sich zu Wort – alle mit dem berechtigten Anliegen, einen guten Weg finden zu wollen. – Mögen die Beratungen gelingen und der angemessene Weg gefunden werden, der weiterhin Leben schützt ohne plakative Lösungen wie „die Alten müssen drin bleiben“, die Jungen sollen raus“ zu wählen. Das allein kann kein Lebensschutz sein.

 

14.04.2020  Osterdienstag   Jedes Glück hat auch sein Leid …

… selbst das Leben wird mit dem Tode bezahlt, und gerade deshalb müssen wir es leben

Aus Panait Istrati s Buch Kyra Kyralina stammt dieses Zitat. Sein Buch erzählt eine tragische Bruder-Schwester-Geschichte, die auf dem Balkan spielt. Mein Literaturkalender stellt mir dieses Stück Weltliteratur für diese Woche vor.

Das Zitat passt zu Ostern und es passt zu unserer aktuellen Situation. Wir erleben gerade eine leidvolle Zeit der Einschränkungen, viele Familien ist Corona bis auf den Leib gerückt, viele trauern um einen Angehörigen, viele wissen nicht, wie ihre persönliche und berufliche Welt nach Corona aussieht. Viele zweifeln, viele hoffen. Über Ostern hat die Diskussion um Lockerungen und Aufhebung des Shutdown an Fahrt aufgenommen. Mehrere Modelle sind in der Diskussion. Die Politiker können kaum noch an sich halten, sie zu veröffentlichen, bevor morgen und übermorgen die Beratungen der Regierung dazu erfolgen. – Große Ungeduld und zugleich eine große Geduld der Bevölkerung, sich an die Kontaktsperrenregelungenzu halten.

Noch ist alles offen. Erbitten wir Gottes Geist für gute Entscheidungen, wie wir step by step zur Normalität – oder besser zu einer neuen Normalität kommen können. Wir müssen unser Leben leben.

 

13.04.2020  Ostermontag  Emmaus ist heute

Ich liebe das Evangelium von den Beiden, die von Jerusalem nach Emmaus gegangen waren (Lukas 24). In dieser Erzählung steckt alles drin, was Menschen an Gefühlen haben können. Höchste Begeisterung bis hin zu tiefster Trauer und wie am Boden zerstört sein. Kleopas und ein zweiter Jünger sind unterwegs. Der Zweite hat keinen Namen. Manche sagen, es ist Kleopas `Frau; andere sagen, der Zweite – das ist jede und jeder von uns. Beide Möglichkeiten gefallen mir. Heute wähle ich gerne die Rolle des zweiten Jüngers, der zweiten Jüngerin.

Und ich spüre, dass ich Phasen in meinem Leben kenne, in denen es mir genau so erging. Die Welt schien über mir einzustürzen, ich lief innerlich hin und her, jemand nahm mich – im Bild gesprochen – an der Hand und begleitete mich, so dass ich Schritt für Schritt erkennen konnte wie es weitergeht und bis ich das Licht am Ende des Tunnels selbst wieder sehen konnte.

Corona ist für uns alle eine unsichere Zeit. Oft denke ich: Hoffentlich geht der Spuk bald vorüber. Es hilft mir, mich gut zu informieren und die Schlagzeilen vom Inhalt der Nachricht zu unterscheiden. Er hilft mir, nüchtern zu bleiben, so schwer das manchmal fällt. Denn manche Nachrichten und manches Szenario, wie es wohl weitergehen wird, können nur beunruhigen. Und dann kommt da wieder eine Gelassenheit.

Ostern wird dann zum Hoffnungsanker, dass alles gut werden wird, weil Gott bei seinen Menschen ist und uns durch dieses Chaos begleitet. Darauf vertraue ich.

 

12.04.2020  Ostersonntag     Gott sei Dank, du lebst!

Als ich im Januar diesen Jahres schwer erkrankt war, hörte ich Freunde sagen: „Gott sei Dank, du lebst!“ Dieser Satz begann mich zu begleiten und der Gedanke, dass ich für Freunde und andere Menschen wichtig bin, tat mir in den darauffolgenden Wochen der Gesundung gut.

„Gott sei Dank, du lebst“ wird gerade zu einem Schlüsselsatz für diese Zeit. Von jedem Menschen, der von Covid-19 genesen ist, sagen wir: „Gott sei Dank, du lebst“. Was leisten doch all die vielen Ärzte, Arztinnen und Pflegenden, dass Schwerkranke überleben. Genesen von Covid 19 - das ist mit Auferstehung in diesem Jahr 2020 eng verbunden. Die Auferweckung Jesu erscheint in einem neuen Licht. Und verbunden mit vielen Anfragen an die bisherige Selbstverständlichkeit von Auferstehung zu reden und sie zu feiern.

„Gott sei Dank, du lebst!“ – diesen Ausruf dürfen wir gerne auch den Zeuginnen und Zeugen in den Mund legen, die Jesus nach ihrer ganzen Verzweiflung über sein grausames Sterben in ganz neuer Weise wiederentdeckt und wiedergesehen haben.

Möge ihre Erfahrung uns stärken und der Coronakrise zum Trotz singen lassen: Halleluja, Jesus lebt.

In diesem Sinn: Gesegnete Ostern“

 

11.04. auf 12.04.2020  Die Nacht der Wende zum Ostermorgen – zu Matthäus 28,1-10

Die Verkündigung der Auferweckung Jesu kündigt sich in unserem Evangelium lautstark an. Sie wird eingeläutet durch ein gewaltiges Erdbeben. Der Engel sieht aus wie ein Blitz in weißem Gewand. Wie sollen wir uns das eigentlich genau vorstellen? Haben wir dieses kleine Detail jemals beachtet! Und wie konnten die Grabeswächter und die Frauen dieses Erdbeben überleben, wenn es so gewaltig war? – Matthäus übertreibt hier wohl in seiner Darstellung. Man hat das Gefühl, es fehlt ein Stück der Erzählung. Er lässt uns im Unklaren darüber. Das scheint den Evangelisten wohl nicht zu interessieren. Vermutlich will er mit seiner Übertreibung die Aufmerksamkeit voll und ganz auf das Folgende zu lenken.

Wieder zweimal dieses „Fürchtet euch nicht!“ Das erscheint wie ein Schlüsselwort, das den Frauen ein unbändiges Vertrauen zu geben scheint. Dieses Vertrauen ermöglicht ihnen alles: sie schauen in das leere Grab – auch das muss ein hochemotionaler Augenblick gewesen sein und Fragen aufgeworfen haben. Sie brechen eilig zu den anderen Jüngern und Jüngerinnen auf. Sie schaffen es, die Energie dazu aufzubringen. Und dieses Vertrauen erreicht seinen Höhepunkt unterwegs. Mitten auf dem Weg kommt der auferweckte Jesus ihnen entgegen, grüßt sie und sendet sie. Total berührt umfassen sie Jesu Füße. Sie reagieren ganz emotional ohne darüber viele Worte zu verlieren. In diesem Augenblick ist es das Höchste der Gefühle, diesen Jesus, um den sie so getrauert hatten, berühren zu können.

Fürchtet Euch nicht, Jesus anfassen zu wollen, Jesus berühren zu wollen, Jesus tief im Herzen ganz nahe zu sein. Das genau mag unsere Sehnsucht an diesem so anderen Ostern sein. Die Sehnsucht, tief im Herzen zu spüren, dass Alles gut werden wird. Tief im Herzen die Ahnung zu haben, dass dieser Jesus uns gut begleitet durch diese Abgründe, die Corona offenbart. Tief im Herzen zu vertrauen, dass wir Menschen und unsere Welt in eine neue Zukunft gehen werden.

Dessen bin ich sicher. Fürchtet euch nicht! Halleluja! Amen!.

 

11.04.2020  Karsamstag – Brachzeit

Die Brachzeit war in früheren Zeiten eine wichtige Anbaumethode: Nach zwei Anbaujahren ließ man den Acker im dritten Jahr ruhen, damit er sich erholen und neue Kräfte schöpfen konnte. Brachzeiten sind eine Unterbrechung und sie ermöglichen einen Neuanfang. Sie ermöglichen nach einer Zeit der Erholung den Neustart. Brachzeiten sind Zeiten, in denen wir neuen Mut und neue Kraft schöpfen können. Brachzeiten sind immer auch Versuchungszeiten, denn wir möchten gerne immer wieder zum Alten, bisher Bewährten zurückkehren.

Der Karsamstag ist eine solche Brachzeit, den an diesem Tag, an dem so gar nichts passiert, passiert ganz viel. Gott bereitet seine Schöpfung auf die Auferweckung seine Sohnes Jesus vor. Wir spüren davon nichts. Erst wenn wir in das Osterhalleluja am Ostermorgen einstimmen, erkennen wir die Qualität des Brachtages Karsamstag.

Die Coronakrise mit einer Brachzeit vergleichen, ist vielleicht doch sehr vermessen. Doch für diese schier nicht enden wollenden langen Wochen gilt, dass vieles ausgesetzt ist und still steht, und es gilt auch, dass diese Wochen uns etwas lehren. Sie lehren uns, unser Leben neu zu betrachten als Geschenk. Sie lehren unsere christlichen Gemeinden, Stärken zu erkennen, die bislang verborgen waren. Sie lehren, das Getauftsein und den Auftrag aller Christen in neuem Licht zu sehen und nach Corona hoffentlich nicht wieder aus den Augen zu verlieren.

Mögen uns unverlierbare Erkenntnisse zuwachsen.

 

10.04.2020  Good Friday – Karfreitag auf Englisch – oder: God is good all the time

Merkwürdig! Guter Freitag – heißt es wörtlich übersetzt. Kaum zu glauben, dass man im anglophonen Sprachraum den Karfreitag Good Friday nennt. Die Spurensuche gibt nicht so viel her. Das althochdeutsche „kara“ = „Klage“ steckt in Karfreitag. Klagefreitag, das macht Sinn – haben wir doch den Tod Jesu zu beklagen und das ganze Drama, das zu seinem Tod geführt hatte.

Good – manche sagen, es käme von God = Gott – also Gottesfreitag. Andere meinen „Good“ hänge mit „heilig“ und „fromm“ zusammen. Und eine weitere Erklärung nimmt das „for good“, was so viel wie „für immer“ „für ewig“ bedeutet. Hier verband man mit dem Karfreitag gleich den Gedanken an die Auferstehung, die für Christen den Weg zum ewigen Leben freimachte.

Egal, welcher Erklärung man zuneigt. Den Karfreitag als Good Friday zu bezeichnen, wirft ein besonderes Licht auf die heiligen drei Tage, in denen sich Sterben, Grablegung, Auferstehung in so dichter Weise versinnbildlichen.

Und in der Tat ist es ja so, dass wir Christen und Christinnen den Karfreitag stets bereits im Licht der Auferstehungserfahrung begehen. So möge uns der Good Friday auch in diesem Jahr Herz und Sinn neu öffnen für diesen Gott, der allezeit gut ist (God is good all the time) und deshalb Jesus nicht im Tod belassen hat.

God is good all the time – Link zum Liedtext  Übersetzung kann angezeigt werden

God ist good all the time – Link zur Vertonung  Werbung überspringen

 

09.04.2020  Gründonnerstag: Pilger sind wir Menschen, suchen Gottes Wort

Beim Radfahren kam mir das Lied in den Sinn „Pilger sind wir Menschen (Link zum Text; Link zum Lied). Ist nicht gerade der Augenblick, wo wir mehr denn je Pilger sind – mehr denn je Suchende und Hoffende, dass unser Leben gut weiter geht, dass wir Erkenntnisse aus Corona ziehen, Einsichten, die uns sonst nicht so aufgegangen wären?

Pilger sind wir Menschen. Es ist Gündonnerstag. Viele von uns würden wie gewohnt den Abendmahlsgottesdienst besuchen und Jesus empfangen im Brot – und am heutigen Tag auch – im Wein.

In diesem Jahr wird es wichtig sein, eine eigene Feierform zuhause zu finden. So könnte es gehen.

  • Bereitet eine Bibel, Kerze, Brot und Wein vor.
  • Lest den Text vom letzten Pessachmahl Jesu mit seinen Jüngern und Jüngerinnen; hört seine Deuteworte auf sein Leben: Das bin ich für Euch. Diese Worte spricht er bei einem der Segenbecher über Brot und Wein.
  • Sprecht Euren Segen über Brot und Wein, z.B. Jesus Christus, wir erinnern uns heute an dich und dein Mahl, wir sind zu deinem Gedächtnis, das du uns aufgetragen hast, versammelt. Du selbst bist da in den Gaben von Brot und Wein. Segne dieses Brot und segne diesen Wein, damit wir sie genießen in Erinnerung an dich, in Erinnerung, dass du das Brot des Lebens und der Kelch des ewigen Segens bist. Amen.
  • Teilt miteinander Brot und Wein.
  • Schließt an mit dem Lied "Pilger sind wir Menschen" - als Gebet oder zum Anhören auf youtube.

 

08.04.2020   Lufthunger

In meiner Zeitung stand ein informativer Beitrag über den Lufthunger von Coronapatienten. Wie fast jeden Tag spielt mir die Presse oder eine Person, die ich beim Spaziergang zufällig „auf Abstand“ treffe, das Stichwort für meinen Impuls zu. Heute ist es der „Lufthunger“.

Ich meine nämlich, dass dieser Lufthunger auf bestimme Weise gerade die ganze Welt beschäftigt. Wenn ich heute die Nachrichten verfolge, so werden die Stimmen immer lauter, dass die Kontaktsperre und die anderen Einschränkungen nach Ostern langsam gelockert werden müssten. Längst sind sich nicht mehr alle Berater und Beraterinnen der Regierung einig, dass der Shutdown in der jetzigen Form noch lange durchzuhalten ist. Dabei entstehen manche Zweifel, ob er in dieser Form der einzig richtige Weg ist. Und ob er für alle in der gleichen Weise gelten muss. Und es werden täglich mehr nicht nur die wirtschaftlichen Folgen, sondern zunehmend die psychischen Folgen für uns Menschen diskutiert.

Ich spüre das auch: Die Decke fällt mir noch nicht auf den Kopf, weil mir genug zu tun einfällt. Doch ich spüre diesen Lufthunger – diese Sehnsucht nach etwas mehr unbeschwerterer Begegnung mit Freunden. Die digitale Kommunikation ist gerade auch für mich eine wichtige Form, doch die vis-à-vis-Begegnung kann sie nicht ersetzen. Da ist diese Sehnsucht, Zeit mit Freunden draussen zu verbringen oder auch wieder normal arbeiten zu können.
Ich muss auch jeden Tag ein paar Mal meine Gefühle in eine Kiste packen und Deckel drauf und dann wieder übergehen zum Kopfwissen, das mir selbstverständlich sagt, dass Abstand halten unser aller Leben retten wird. Doch der Deckel hebt sich immer öfter ganz leicht.

Dennoch: Durchhalten ist angesagt – wird sicher die Tugend des Jahres 2020 – und sich auf Ostern freuen. Wohnung schmücken. Grüße verschicken …

 

07.04.2020   Sich die Finger verbrennen

Kennt Ihr diese Situationen, in denen man das Gefühl hat, egal, was man tut, sich die Finger zu verbrennen. Schnell steht man in der öffentlichen Kritik. Schnell kann an ganz tief fallen, wo man vorher noch bejubelt wurde. Von unseren Politikern erwarten wir gerade die Perfektion an richtigen Entscheidungen – schließlich ich geht es um Menschenleben. Unsere Regierungsparteien sind gerade in der Akzeptanz gestiegen für ihr gutes Management in der Coronakrise. Es gibt sie dennoch, die Verlierer, und es gibt sie, die Gewinner.

Sich die Finger verbrennen – das kannte dieser Jesus von Nazareth gut. Die Jahre seines öffentlichen Auftretens hat er sich die Finger ständig verbrannt, weil er den Finger in die Wunde gelegt hat und Gott als seinen Vater verkündete, der Gerechtigkeit, Frieden, Barmherzigkeit und Versöhnung will. Jesus hat sein Mut, sich die Finger zu verbrennen, das Leben gekostet. Er stirbt brutal den Tod am Kreuz.

Diesen Weg Jesu gehen wir in dieser Woche symbolisch nach und im Gedenken an alle, die sich heute freiwillig oder unfreiwillig ebenso die Finger verbrennen.

 

06.04.2020  Wir können uns nicht mehr vorbeidrücken

„Die Corona-Zeit bremst den Alltag aus, aber sie bedeutet keine Zeitenwende“, schrieb zum Wochenende Guido Bohsem im Leitartikel meiner Tageszeitung. Er sieht diese Monate als eine „eine Art Durchlauferhitzer für Entwicklungen, die längst zuvor begonnen hatten“ und jetzt an Fahrt aufnehmen. Mit meinen bisherigen Beobachtungen kann ich diese Auffassung teilen. Wenn meine Kirche das auch begreifen würde, dass wir uns nicht mehr vorbeidrücken können an den ungelösten Fragen, die wir seit Jahrhunderten vor uns hertragen und die uns zum Vertrauenslust führten. Die Coronakrise zementiert noch einmal den Klerikalismus, wenn man da lesen muss, dass die Priester für uns beten und unsere Anliegen in der Solo-Messe vor Gott tragen. Kann ich das nicht in gleicher Qualität selbst als Getaufte? Oder wenn man uns eigens sagt, dass die Sonntagspflicht jetzt ausgesetzt sei. Haben wir nicht andere Sorgen? Wir werden digital gerade super versorgt. Dovh wie wird gerade unser aller Teilhabe am Priesterum Jesu Christi durch de Taufe gewürdigt? Oder ist das nur eine Theologenfrage? 

Was ich mir wünsche, beschreibt Tomas Halik: „Diese Fastenzeit der leeren und schweigenden Kirchen können wir entweder nur als ein kurzes Provisorium annehmen, das wir dann bald vergessen werden. Wir können sie jedoch auch als kairos annehmen – als eine Zeit der Gelegenheit, „in die Tiefen hinabzusteigen“ und eine neue Identität des Christentums in einer Welt zu suchen, die sich vor unseren Augen radikal verwandelt“ (Tomás Halík, in: Christ und Welt 2.4.2020). So stelle ich mir das vor.

Eure heute wieder einmal kritische Fragen stellende Geistliche Leiterin

 

05.04.2020  Palmsonntag – und ein kleines Detail

Ist euch das kleine Detail schon einmal aufgefallen? Jesus reitet auf zwei Eseln gleichzeitig in Jerusalem ein: auf der Mutter und auf dem Fohlen. Auf beiden reitend, das braucht etwas Akrobatik. Vielleicht ist Akrobatik ja genau das Stichwort, wenn es darum geht, zu verstehen, zu deuten, was gerade vor sich geht durch die Auswirkungen von Covid 19. Wir erfahren die Krisenzeit alle hautnah. Wir müssen in diesem Jahr neue Rituale für das gewohnte finden, wenn wir Ostern innerlich und äußerlich begehen wollen. Wir suchen Antworten auf unsere Fragen. Und vielleicht sind unsere religiösen Fragen andere geworden als sie es noch vor einigen Wochen waren. Es geht ans Eingemachte. Jetzt mit Jesus den Weg nach Jerusalem zu gehen, nach Golgotha, hinein ins Grab und dann ins Licht von Ostern, darum geht es. Und darauf zu vertrauen, dass er mit uns ist. Unser Herz offen halten für diese Erfahrung. Dann wird sie uns geschenkt werden. Das glaube ich fest.

Einen gesegneten Palmsonntag.

 

04.04.2020   „Gegen den Corona-Speck“

Ja, ich stelle mich auch täglich auf die Waage. Nein, ich prüfe nicht, ob ich Corona-Speck angesetzt habe.
Gestern fiel mir in meiner Zeitung der Artikel mit dieser Überschrift auf. Noch mehr als sonst wird meine Alltagstauglichkeit in Frage gestellt. Noch mehr als sonst erhalte ich Fitness-Tipps und täglich mehr Anregungen wie ich den Corona-Blues besser überstehen kann. Wie schön, dass es alle so gut mit uns meinen. Spätestens die jeweiligen App-Empfehlungen beenden dann die selbstlose Hilfe gegen den Blues und gehen auf Kundenfang.

Das ist ja irgendwo auch berechtigt, denn auch da geht es um Firmenexistenzen. Mir fällt auf, dass es von Tag zu Tag mehr ans Eingemachte geht. Die Forderungen nach Normalität, nach Lockerung der Kontaktsperre, nach mehr finanzieller Unterstützung für alle Gewerbetreibenden, damit sie nicht zu Grunde gehen in dieser Krise usw. werden von Tag zu Tag schärfer.

Die Not ist groß. Der Corona-Speck darunter die Kleinste.

 

03.04.2020  "Zeigen wir einander doch das Beste in uns!"

Bundespräsident Walter Steinmeier hat sich wieder zu Wort gemeldet mit ermutigenden Worten. Er erzählt von Menschen, denen er in den letzten Wochen begegnet ist und bei denen er spürt, dass sie das Beste von sich zeigen – nämlich absolute Zuverlässigkeit und Mitmenschlichkeit in dieser so deprimierenden Situation. „Wir sind vielleicht zur Isolation verdammt – aber nicht zur Untätigkeit“, so resümiert er als die vielen Aktivitäten, in denen Menschen sich einander zuwenden und unterstützen. Dennoch ist in meinem Herzen auch eine Stimme, die fragt, wie lange wir die Kontaktsperre aushalten, wie lange uns Social Media helfen wird, einigermaßen gut gestimmt zu bleiben, wie lange dieses Medium den vis-à-vis-Kontakt ersetzen kann. Ich lebe allein und spüre, dass ich mich gut beschäftigen kann. Allerdings spüre ich auch meine Sehnsucht nach Begegnung. Ich hoffe, dass ich das überhaupt zugeben darf, wo ich ja auch weiß, dass Kontaktsperre bedeutet, Leben zu retten?

Zeigen wir einander doch das Beste in uns!“ – das Wohlwollen, die Nächstenliebe, die Solidarität und nicht zuletzt das Einander-Beistehen im Beten.

Behüt Euch alle Gott!

 

02.04.2020   Herzhaft gelacht

Gott sein Dank bleibt vielen Menschen ihre Kreativität in diesem Coronachaos. Fast täglich bekomme ich ein nettes Foto geschickt. Heute einen Wegenetzplan durch die eigene Wohnung mit vielen Haltestellen und unterschiedlichen Routen. Eine Freundin, der ich das weiterleitete, meinte ebenso humorvoll: „Braucht man fast ein Nawi“. Solche Kleinigkeiten tun jetzt gut. Zu finden ist die Grafik hier: http://keratill.com/

Mir helfen auch gute Texte wie die von Huub Oosterhuis, dem Dichter auch von „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“. Mit seinen Zeilen zu Psalm 63 spricht er mir aus dem Herzen.

Zu dir steh ich auf am Morgen

Zu dir steh ich auf am Morgen,
rufe die Stunden, fleh um Licht,
krieche nach Wasser.

Nach dir dürst ich durch den Mittag,
Leib bin ich, flehende Seele,
mit den Schatten falle ich.

Nach dir wälz ich mich in der Nacht,
schläfst du? Rühr mich an,
dass ich zur Ruhe komme,

und zu dir aufstehe am Morgen.

Originaltitel: Naar jou sta ik op in de morgen
Text: Huub Oosterhuis / Übertragung: Annette Rothenberg-Joerges / Bibelstelle: Psalm 63,2-8

(Internetabruf am 1.4.20: http://huuboosterhuis.de/zu-dir.455.html)

Bleiben Sie behütet!

 

01.04.2020   Laufen

In den letzten Tagen habe ich den Roman „Laufen“ von Isabel Bogdan gelesen. Sie schildert den Trauerweg einer Frau, deren Partner Suizid begangen hatte. Die Protagonistin läuft und läuft und läuft – zuerst war es ein Davonlaufen und dann wurde daraus ein Weg zurück ins Leben. Laufen, Freunde, Wut, Trauer, Humor und die Liebe zur Musik nehmen es mit der schier nicht enden wollenden Verzweiflung auf. Am Ende siegt das Leben.

Die Lektüre ist keine leichte Kost. Mir hat das Lesen noch einmal mehr gezeigt wie wichtig es ist, jeweils Mittel und Wege zu kennen und einzuüben, die in Krisenzeiten durchhalten und aushalten lassen – vielleicht manchmal trotzig, aber immer mit dem mutigen Blick nach vorn.

Vielleicht auch ein Rezept für diese Zeit, in der wir uns so belastet fühlen durch Covid 19. In aller Verunsicherung, die ich gerade auch als zur Risikogruppe der Herzpatienten gehörend erlebe, hilft mir Psalm 23. Auch hier kommt das Laufen vor und der Weg, auf dem Gott uns geleitet. Und ich laufe gern selbst beim Beten dieser alten Worte:

Der HERR ist mein Hirte,
nichts wird mir fehlen.
Er weidet mich auf saftigen Wiesen
und führt mich zu frischen Quellen.
Er gibt mir neue Kraft.
Er leitet mich auf sicheren Wegen
und macht seinem Namen damit alle Ehre.
Auch wenn es durch dunkle Täler geht,
fürchte ich kein Unglück,
denn du, HERR, bist bei mir.
Dein Hirtenstab gibt mir Schutz und Trost.
Du lädst mich ein und deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du begrüßt mich wie ein Hausherr seinen Gast
und füllst meinen Becher bis zum Rand.
Deine Güte und Liebe begleiten mich Tag für Tag;
in deinem Haus darf ich bleiben mein Leben lang.
(Übersetzung: Hoffnung für alle)

 

31.03.2020   Lieber Gott, kannst du bitte 2020 löschen und neu installieren. Es hat einen Virus.

Diesen humorvollen Satz zusammen mit dem Foto eines Babys bekam ich gestern zugeschickt. Ich kenne die ursprüngliche Quelle nicht. Auf jeden Fall hat mich dieser Gedanke zum Lachen gebracht zwischen all den anderen Nachrichten des Tages.

In den Kurznachrichten in der Frühe ging es um die „Existenzängste“ vieler. In der Zeitung hieß es dann, dass die „Solidaritätsressourcen endlich“ seien. Beides ist beunruhigend.
Angst um die eigene Gesundheit, Angst um den Arbeitsplatz, Angst um den eigenen Betrieb, Angst vor den vielen Einbußen und Folgen, die Covid 19 uns in diesem Jahr und darüber hinaus einbrockt. Im Moment ist die Unterstützung überall groß. Unsere Regierung versucht, niemanden zu vergessen. Und die, die sich vergessen fühlen, machen auf sich Gott sei Dank dann aufmerksam. Im Augenblick gibt es so viel an Solidarität mit denen, die sich kaum schützen können, weil sie Menschen pflegen, weil sie für unsere Nahrungsmittel und vieles andere Sorge tragen. Die Grenze der Solidarität bekam ich zu spüren in der kritischen Frage, wie man Kranke aus dem Ausland jetzt hier in Deutschland in Kliniken aufnehmen könne. Da kann ich nur antworten: Ja, wann dann, wenn nicht jetzt, wo wir noch dazu in der Lage sind, Menschenleben grenzüberschreitend zu retten.

Möge die Solidaritätswelle, die Aufmerksamkeit füreinander und für das L eben – christlich gesprochen: die Nächstenliebe anhalten und weiter wachsen. Dann brauchen wir 2020 nicht mehr löschen wollen, sondern werden daraus Wesentliches gelernt haben.

 

30.03.2020    Not lehrt beten

Ja, es bewahrheitet sich gerade wieder: Not lehrt beten. Und das ist ja auch gut so, dass es immer wieder Situationen gibt, in denen wir spüren, dass wir dem schöpferischen Gott unser Leben mit all seinen Möglichkeiten verdanken; dass wir spüren, dass es mehr gibt als das Sichtbare; dass wir spüren, wie sehr wir auf diese gute Macht** angewiesen sind. Corona bräuchten wir dazu allerdings nicht, die Herausforderungen und Katastrophen, die jede/r ins Gebet nehmen kann, gab es vorher schon genug.

Die Diözesen und Kirchengemeinden geben uns Christinnen und Christen jetzt auch alle möglichen Gebetshilfen an die Hand. Tausende von Gottesdienstvorlagen und anderen Gebetstetexn werden online gestellt. Das ist schön. Wir werden so gut versorgt wie selten, fast überversorgt. Und gerade wegen dieser Versorgung kommt die Frage in mir auf, ob wir es denn verlernt haben, mit unseren eigenen Worten zu beten und die Bibel aufzuschlagen und darin zu lesen. Oder ob wir in eine Lernschule gehen müssen.

Vielleicht ist jetzt eine Übungszeit für beides: Sich den Gebetsvorlagen anvertrauen  und gleichzeitig die ganz persönliche Fürbitte, Klage, Trauer, Wut und Hoffnung in eigenen Worten vor Gott zu bringen und Formulierungen zu finden, die genau das ausdrücken, was mir auf der Seele brennt..

Mir gefällt besonders das Coronagebet unserer Seelsorgeeinheit:

Gott.
Wir fragen uns, wo wir stehen.
Wir wissen nicht genau, was noch kommt.
Gehe den Weg mit uns, der vor uns liegt.
Schenke allen Menschen in unserem Land, die wichtige Entscheidungen treffen, Weisheit und Umsicht:
hier in Rottenburg und in ganz Baden - Württemberg
Schenke den kranken Menschen Deine Nähe;
und allen, die sich um Sie kümmern, innere Stärke und Gesundheit.
Schenke allen Nachbarn, Freunden, Familien Netzwerke der Unterstützung und den Zusammenhalt, den sie brauchen.
Lass die Kirchen ein Zeichen Deines Beistands für die Menschen sein.
Stärke die Völker in ihrer Verbundenheit untereinander.
Geh mit den Sterbenden ihren letzten Weg.
Gib den Toten Deinen Frieden.
Lass uns alle zum Zeichen Deines Segens füreinander werden.
Heute, morgen und in Ewigkeit. Amen.

** Und ich wähle gerne D. Bonhoeffers Worte:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

29.03.2020   „Alle für Alle“ – Gemeinwohl geht vor Eigenwohl  

5. Fastensonntag – Misereorkollekte – „Herr, erbarme dich aller, die in Not sind überall auf der Welt, erbarme dich aller, die unter Covid 19 leiden und denen dieses Virus das Leben nimmt. …“ Der Misereorsonntag steht in diesem Jahr auch unter dem Vorzeichen Covid 19.

Der Misereorsonntag lenkt den Blick auch auf ein Prinzip der Katholischen Soziallehre, das kurzgefasst lautet „Gemeinwohl geht vor Eigenwohl“. Damit ist gemeint:
„Der Mensch muss stets das Gemeinwohl (das Wohl der Gemeinschaften, denen er von Natur aus oder freiwillig angehört, vor allem Familie und Staat), im Blick haben. Das Wohl des Einzelnen ist dem Gemeinwohl unterzuordnen, zu dem der Einzelne beizutragen hat. Andererseits darf der Dienst am Gemeinwohl den Menschen nicht völlig beschlagnahmen, sondern die Gemeinschaft muss dem Einzelnen dienen, das gemeinsam Geschaffene muss gerecht an die Einzelnen verteilt werden und das Ziel jeder Gemeinschaft muss die Entfaltung der Personalität ihrer Mitglieder sein.“( https://www.philso.uni-augsburg.de/institute/philosophie/Personen/Lehrbeauftragte/neidhart/Downloads/Sozialethik.pdf)

Einfacher gesagt – es geht genau um das, was der Slogan „Alle für Alle“, der im Zusammenhang mit Corona beständig durch die Medien geht, meint. Alle stehen füreinander ein, jede/r sorgt dafür und arbeitet darauf hin, dass wir alle in Coronazeiten und danach in eine gute und hoffnungsreiche Zukunft blicken werden. Dann haben wir verstanden und dann leben wir, was „Alle für Alle“ an radikalem Einstehen für das Wohl des Anderen ohne das eigene Wohl aus dem Blick zu verlieren bedeutet. Darin besteht eine riesige Herausforderung. Das einfachste wäre schon mal, Hamsterkäufe zu unterlassen und zu selbstloser Nachbarschaftshilfe z.B. überzugehen. Heute bei meinem Spaziergang habe ich viel von gelungener Nachbarschaftshilfe gehört. Das tat mir gut.

Denken wir an diesem Fastensonntag besonders an dieses „Alle für Alle“ oder "Gemeinwohl geht vor Eigenwohl". In diesem Sinn allen Segen.

 

28.03.2020  Vergessene Themen

Mich beschäftigt, was täglich in den Nachrichten gemeldet wird und welche Themen zur Zeit untergehen. Auch die Zeitung ist voll von Coronaberichten und nur am Rande geht es um die geflüchteten Kinder und die vielen Menschen in den Flüchtlingslagern, die unter unwürdigen Bedingungen leben. Das Thema Seenotrettung ist weg. Die Themen der Bauern treten in den Hintergrund. Wo kommen in den Nachrichten noch all die anderen Krisenherde der Welt vor? .....

Es scheint normal, dass wir den Blick auf das lenken, was uns am meisten beschäftigt und bedroht. Doch es ist auch nötig, noch über den eigenen Kirchturm und den eigenen Horizont zu schauen.
Mögen wir allen, die in Not sind, allen, die leiden und nicht weiterwissen, in diesen Tagen zurufen:

„Gott ist uns Zuflucht und Stärke;
ein bewährter Helfer in allen Nöten.
Darum fürchten wir uns nicht,
wenn die Erde auch wankt.“ (aus Psalm 46)

Gott behüte Euch alle.

 

27.03.2020  Wir bleiben zuhause – Glockenläuten und brennende Kerzen in den Fenstern

„Geduld und Abstand sind die großen Tugenden im Kampf gegen Corona“, hörte ich gestern wieder in der Sendung Brisant. „Wir bleiben zuhause“ ist die stetig wiederholte Formel. Für viele wird zuhause bleiben irgendwann zur Belastung, weil damit Existenzängste verbunden sind. Schüler/-innen machen ganz neue Lernerfahrungen mit der „online-Schule zuhause“; Großeltern vermissen ihre Enkel, allein Lebende müssen sich auf ihr Netzwerk mit den technischen Hilfsmitteln verlassen können; Familien sind so viel zusammen wie sonst nie… Ebenso wie das Zuhause bleiben beschwören wir, dass eine neue Nähe entstehen würde, weil wir die Distanz mit kreativen Ideen zu überwinden suchen. Zahllose Beispiele erzählen uns auch davon. Und dennoch bleibt es mühsam. – Für viele, die an ihren Arbeitsplätzen stehen, ist Abstand fast unmöglich. Kranke kann ich nur mir körperlicher Nähe versorgen. An den Kassen der Geschäfte sind zum Schutz Plexiglasvorrichtungen angebracht worden. Möge es nützen.

Wir warten alle sehnsüchtig darauf, dass der „Spuk“ ein Ende hat. Diese Sehnsucht kenne ich vom Volk Israel in der Bibel, das sehnsüchtig das Ende der Plagen, das Ende der Gefangenschaft im fremden Land, das Ende des Exils erhoffte, um wieder zur Normalität zurückzukehren mit dem neuen Bewusstsein, dass Gott seine Stärke und sein Helfer in der Not war.

Woher kommt mir Hilfe? Mir machen unter anderem das abendliche Glockenläuten zum Gebet, die brennenden Kerzen in den Fenstern, das Singen und Musizieren auf den Balkonen und in den Straßen von Dorfgemeinschaften Mut.

 

26.03.2020  „Uns stehen schwere Wochen bevor“ (Vizekanzler Olaf Scholz)

Diese Schlagzeile ging gestern durch die Medien. Die andere Meldung, die durch die News ging: „Nicht alle Corona-Toten sind auch am Virus gestorben“. Stimmt, was da ist immer wieder zu lesen ist, dass als Corona-Verstorbener auch derjenige gezählt wird, der infiziert war, jedoch an einer anderen Krankheit gestorben ist? – Das irritiert mich. Wenn das so wäre, wie aussagekräftig ist dann noch die Statistik?

Ja, sicher – uns stehen schwere Wochen bevor und wir sind genau genommen schon mitten drin. Dabei möchte ich mich gern auf die Nachrichtenmeldungen verlassen können.
Ich erinnere mich an Erzählungen in der Bibel, in denen dieses Phänomen auch vorkommt. Dort werden auch immer wieder Fakten so beschrieben, dass sie noch eindringlicher, markanter, bedrohlicher werden. Ich hoffe, das ist kein Stilmittel, um uns allen noch klarer zu machen, was wir verstanden haben: Uns stehen schwere Wochen bevor.

Gott halte uns in seinen bergenden Händen und bewahre uns vor Unheil. Amen.

 

25.03.2020   Verwundbar

Wir sind verwundbar geworden. Unser gewohnter Lebensrhythmus ist aus den Fugen geraten. Das Leben ist riskant geworden – ob ich nun zu einer der Risikogruppen gehöre, die dieses verrückte Virus auf keinen Fall einfangen sollten, oder ob ich zu denen gehöre, die jetzt besonders dem Risiko sich aussetzen, um für uns zu sorgen - ob in der Medizin oder im Handel. Wir sind verwundbar geworden, weil es so herausfordernd ist, diese Situation auszuhalten und sich in einer Art Wüstensituation / wüsten Situation zu befinden.

Verwundbar geworden war auch das Mädchen Maria von Nazareth als sie durch den Engel von ihrer Schwangerschaft „unter besonderen Umständen“ erfährt. Das war riskant: Sie hätte nach damaligem Recht gesteinigt werden können als ehebruchsverdächtig, mindestens ausgestoßen aus ihrer sozialen Gemeinschaft. Doch es kommt ganz anders. Josef beschließt, mit ihr zusammen zu leben. Maria hat ihr Ja zu dieser Schwangerschaft gesagt trotz allem Risiko. Auch sie hörte dieses einzigartige „Fürchte dich nicht!“

Möge uns das „Fürchte dich nicht“ in unserer Verwundbarkeit stärken.
Heute ist das Fest der Verkündigung des Herrn.

 

24.03.2020   Unsere Welt wird eine andere sein !?

Viele Propheten geben zur Zeit einander - im Bild gesprochen - die Hand. Sie prophezeihen uns wie wir uns verhalten und wie wir leben werden, wenn es gelungen ist, diesem tückischen Virus seine Macht zu nehmen. Wir werden distanzierter miteinander umgehen, wir werden einander näher sein, die Wirtschaft wird am Boden liegen, sie wird wieder erblühen, wir werden viel gelernt haben und diese Erkenntnisse umsetzen, wir werden egoistisch bleiben. Und so könnte man die Prophezeihungen weiterschreiben.

Ich weß nicht, was sein wird. Doch ich bin sehr neugierig darauf und sehnsüchtig warte ich auf das Ende dieses Ausnahmezustandes. 
Interessant fand ich einen Artikel, den mir ein Mitglied aus dem Prozessteam "Kirche am Ort - Kirche an vielen Orten" zugespielt hat. Der Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt seine Gedanken über die Zeit nach Corona: Link

Worauf ich mich verlassen möchte ist dies: Meine Zeit steht in Gottes Händen Link

 

 

23.03.2020  Mir fällt die Decke auf den Kopf

Kontaktsperre – von Tag zu Tag mehr war mit schärferen Maßnahmen zu rechnen. Sie sind nötig im Kampf gegen das Virus. Ich kenne das Gefühl, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, wenn mein Kontaktradius so eingeschränkt ist, nur aus Krankheitszeiten. Und diese Decke lässt sich dann nicht so einfach abwerfen. Das ist das Schlimme dran. Doch diese Zeiten waren für mich begrenzt.

Ich kenne viele Menschen, die allein leben, aber auch Familien, für die die jetzige Situation der absolute Ausnahmezustand bedeutet. Ich kenne auch viele Menschen, die dauerhaft ans Bett oder ans Haus gebunden sind. Ich denke an unseren Kolpingbruder Willi, der mit großer Fassung seine Begrenzung lebt und seinen Humor nicht verliert. An ihn denke ich viel in diesen Tagen. Er wird mir zum Vorbild, unser aller Begrenzungen in einem anderen Licht zu sehen.

Ich denke auch an den Propheten Elija, dem die Decke auf den Kopf fiel. Die menschliche Zuwendung der Witwe aus Sarepta und der ihres Sohnes, macht ihm Mut und er ermutigte die Witwe seinerseits zum nächsten  Schritt.

Mögen uns solche Erfahrungen geschenkt werden – vielleicht zur Zeit mehr am Telefon und virtuell als vis-à-vis.

 

22.03.2020  Online-Messen und andere Angebote

Heute ist der erste Sonntag, ohne dass wir eine Eucharistiefeier in unseren Kirchen besuchen können. Wer es gewohnt ist, jeden Sonntag zur Eucharistiefeier zu gehen, dem wird viel fehlen. In vielen Gemeinden sind Wortgottesfeiern am Sonntag längst vertraut und gewohnt. Sie tun sich vermutlich leichter. Unsere Diözese hat für heute eine Wortgottesfeier für die Hausgemeinschaft (Link) oder zum persönlichen Beten zusammengestellt. Das finde ich gut. Und ich habe heute in Allerherrgottsfrühe mit dieser Vorlage den Sonntag gefeiert.

Persönlich tue ich mir schwer mit dem Angebot „Online-Messen ohne Gemeinde“, so sehr ich viele andere geistliche Angebote online schätze.
Ich wünsche mir etwas anderes: Nämlich, dass wir das, was wir gerade spüren, intensiv als geistliche Erfahrung erleben: wie sehr wir nun auf Gott und auf unsere Beziehung zu Jesus Christus allein zurückgeworfen sind und darauf angewiesen, die Nähe zu Gott allein im Gebet zu spüren. Ich wünsche mir, dass wir als Priester und als Gemeindemitglieder uns betend vor Gott tragen mit all den Sorgen und Nöten, die uns aktuell zutiefst bewegen. Ich glaube, das ist die Herausforderung pur für unser geistliches Leben. Niemand kann mir das abnehmen. Mir hilft dabei das abendliche Glockenläuten mit dem Coronagebet unserer Gemeinde, mir hilft die entzündete Kerze am Abend im Fenster.

Für meine Person spüre ich, dass es mir schwerfällt, auf die Begegnung mit Christus im Brot des Lebens zu verzichten. Ich spüre jedoch auch, dass ich mir wünsche, dass Priester und Gemeindemitglieder diesen Verzicht gemeinsam üben und damit vielleicht überraschende Erfahrungen machen. Dass wir diese Erfahrungen machen werden, davon bin ich überzeugt. Vielleicht ist das jetzt so etwas wie die totale Wüstenerfahrung, wie sie die Völker der Bibel und Jesus selbst (Link) erfahren haben und viele einzelne Menschen heute. Den meisten erwuchs neue Kraft und ein neues Selbstbewusstsein.
Allen einen gesegneten Sonntag.

Übrigens: Unsere Seelsorgeeinheit hat eine Seite mit Coronainformationen "Woher kommt mir Hilfe" eingerichtet (Link)

 

21.03.2020  Wir schaffen das!

Die Kanzlerin sei vorsichtig geworden mit diesem Satz, hörte ich in diesen Tagen in einem Kommentar auf ihre Rede an die Nation. Stattdessen sagt sie: "Wir sind nicht verdammt, die Ausbreitung des Virus passiv hinzunehmen. Wir haben ein Mittel dagegen: Wir müssen aus Rücksicht voneinander Abstand halten." Dann schaffen wir es, möchte ich gerne hinzufügen. Ich bin überzeugt davon, dass wir dem Virus die Macht nehmen, indem wir jetzt das tun, was wir uns in normalen Zeiten nicht vorstellen können: auf vis-à-vis-Nähe verzichten und mehr die virtuelle Nähe suchen und uns zurückhalten mit allem, was dem Virus Ansporn gäbe. Als Beziehungsmensch und als Frau, die anderen gerne begegnet, fällt mir das verdammt schwer und ich leide darunter.

Doch was ist dieses Leiden gegen die Zukunft, die wir dann wieder zu erwarten haben. Mir hilft das in der Bibel am meisten wiederholte Wort „FÜRCHTE DICH NICHT!“ Damit denke ich gegen die Sorgen an und bin mir sicher: „Wir schaffen auch das!“ Darauf vertraue ich.

Vielleicht mag uns Cohens Halleluja in der Corona-Variante ein wenig ermutigen. Seit heute kommt bei mit der Link ständig auf whatsapp an: https://youtu.be/00uOKLwrq1s

Und viele unterstützen uns mit Gebetstexten und Impulsen, so auch die evangelische Kirche, deren Impuls ich ebenfalls verlinke. Hausgebet
Am Samstag um 19.30 Uhr laden die Glocken der Christuskirche zum Gebet ein und es wäre ein Hoffnungszeichen, wenn wir alle eine Kerze ans Fenster stellen würden.

 

20.03.2020 Bleib gesund!

Jedes Telefonat, jede Mail, jede Whatsapp endet derzeit mit diesem Wunsch. In Coronazeiten konzentriert sich alles auf den Wunsch nach dem Erhalt der Gesundheit. Wie wohltuend ist doch dieses „Bleib gesund“. Wie warm klingt es in unseren Ohren. Wie bewusst macht dieser Wunsch das hohe Gut der Gesundheit.

In den Evangelien hören wir Jesus in den Heilungserzählungen immer wieder fragen: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Jede und jeder von uns würde im Augenblick antworten: „Gesund bleiben“ – „Gesundheit für mich und andere“. Vielleicht auch das: Dass unsere Seele keinen Schaden nimmt durch die vielen Beschränkungen, die wir nicht gewohnt sind, dass uns die Decke nicht zu sehr auf den Kopf fällt – trotz Einsicht in diese Maßnahmen –; dass wir geduldig bleiben und einigermaßen gelassen.

Das wünsche ich uns allen.